Georg Kießling – der Görg mit dem Debüttor

Zwei Länderspiele, ein Tor. Auf dem Papier ist das eine Fußnote. Georg Kießling aber hat dieses eine Tor bei seinem Debüt geschossen, in Kopenhagen, zum Ausgleich kurz vor der Pause, in einer deutschen Elf, die der Reichstrainer als Versuchsballon aufs Feld geschickt hatte. Dazu kommen zwei deutsche Meisterschaften mit der SpVgg Fürth, fast ein Jahrzehnt am linken Flügel und eine Flanke, die in Genf so danebenging, dass sie zum Tor wurde. Ein Linksaußen der leisen Sorte, der seine größten Momente oft anderen vorbereitete.

Zeitstrahl: Georg Kießlings Laufbahn · 1919–1939
Georg Kießlings Laufbahn · 1919–1939
»Als Georg Kießling ein Flankenball misslang, war Torhüter Charles Frondas so sehr überrascht, dass er daraus ein Eigentor fabrizierte.«
Libero International über das Turnier in Genf 1930

Von Selbitz an den Ronhof

Kicker Bilderwerk, Nummer 137, Kießling (SpVgg Fürth)
Georg Kießling auf einem Sammelbild des Kicker-Bilderwerks (Nr. 137)

Georg Kießling kommt am 7. März 1903 im oberfränkischen Selbitz zur Welt. Dort kickt er als Junge bei der SpVgg Selbitz. Anfang 1919 ziehen seine Eltern nach Fürth, und der 16-Jährige steht kurz darauf bei der Spielvereinigung auf der Matte. Für einen Jungen vom Land ist das ein Sprung: Fürth ist damals schon Deutscher Meister gewesen und gehört zu den ersten Adressen im deutschen Fußball.

Der Weg nach oben führt über die Jugend. In den Spielzeiten 1921/22 und 1922/23 darf er in Pokalspielen der ersten Mannschaft ran und trifft dabei laut Kleeblatt-Chronik in drei Einsätzen dreimal. Ab 1923/24 taucht er in der Ligastatistik auf, mit 22 Spielen und sieben Toren. Ganz einig sind sich die Quellen beim Zeitpunkt nicht: Der Text der Chronik und Wikipedia lassen ihn erst 1924 zum Stammspieler werden.

Den ersten großen Titel holt er schnell. Am 13. Juni 1926 steht die SpVgg im Frankfurter Endspiel gegen Hertha BSC. Trainer Adolf Riebe stellt, so berichtet Libero International, den 23-jährigen Kießling anstelle von Linksaußen Leonhard Weiß auf. Fürth gewinnt vor 40.000 Zuschauern 4:1. Es ist Kießlings allererstes Spiel in einer Endrunde um die deutsche Meisterschaft, und er geht als Meister vom Platz.

Der Görg vom linken Flügel

In Fürth hieß er schlicht »Görg«, so die Kleeblatt-Chronik. Libero International schreibt es »Görch«, was fränkisch ausgesprochen auf dasselbe hinausläuft. Seinen Platz hatte er ganz links außen. Neben ihm, auf halblinks, spielte »Allan« Georg Frank, und zusammen galten die beiden als gefährlicher linker Sturmflügel des Kleeblatts.

Was ihn auszeichnete, fasst die Chronik in wenige Stichworte: eine enorme Schusskraft, dazu Fairness und eine »rationelle Spielweise«, die ihn beliebt machte. Ein Dribbelkönig für die Galerie war er offenbar nicht, eher einer, der den Ball schnell und sinnvoll weitergab. Das passt zu seinen Zahlen. In 207 Ligaspielen für Fürth kam er auf 55 Tore, am besten lief es 1928/29 mit zwölf Treffern in 29 Spielen.

In den Endrunden um die deutsche Meisterschaft lief er laut DFB zwölfmal auf und traf genau einmal. Dieses Tor fiel am 7. Juli 1929 im Halbfinale gegen den Breslauer SC 08. Vor 20.000 Zuschauern im Frankfurter Stadion erhöhte er in der 10. Minute auf 2:0, am Ende hieß es 6:1. Drei Wochen später gewann Fürth das Endspiel in Nürnberg gegen Hertha BSC mit 3:2, und Kießling war zum zweiten Mal Deutscher Meister.

Der große Tag: Debüt mit Tor in Kopenhagen (Oktober 1927)

Im Herbst 1927 will Reichstrainer Otto Nerz wissen, wer hinter seinen Stammkräften steht. Für das Länderspiel in Dänemark beruft er laut der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« gleich neun Neulinge. Drei davon kommen aus Fürth: Ludwig Leinberger als Mittelläufer, Georg Frank auf halblinks und Georg Kießling am linken Flügel. Mehr wären ohnehin nicht gegangen. Nach derselben Quelle durfte der DFB damals von jedem Verein höchstens drei Spieler pro Jahr zu Länderspielen heranziehen.

Gespielt wird am Sonntag, dem 2. Oktober 1927, um 13.30 Uhr Ortszeit im Kopenhagener Idrætsparken. 19.000 Zuschauer sind gekommen, Schiedsrichter ist der Norweger Ragnvald Smedvik. Kapitän der Deutschen ist Ernst Blum, im Tor steht Georg Ertl.

Nach 23 Minuten bringt Michael Rohde die Dänen in Führung. Deutschland läuft hinterher, bis zur 42. Minute. Dann trifft der Debütant vom linken Flügel zum 1:1. Georg Kießling hat in seinem ersten Länderspiel ein Tor geschossen, drei Minuten vor der Halbzeit und in der Fremde.

Viel länger hält der Jubel nicht. Kurz nach dem Wechsel, in der 48. Minute, trifft Rohde erneut. In der 70. Minute macht Henry Hansen das 3:1 für Dänemark. Wie Kießling sein Tor erzielte, ob per Schuss, Kopfball oder Abstauber, verraten die geöffneten Quellen nicht.

Spielkarte: Spielverlauf Dänemark gegen Deutschland · Kießlings Ausgleich in der 42. Minute
Spielverlauf Dänemark gegen Deutschland · Kießlings Ausgleich in der 42. Minute

Den Schuldigen hatte die Nachwelt schnell gefunden. Torhüter Ertl habe mit »drei schweren Schnitzern« seinen langen Zweikampf mit Heiner Stuhlfauth um den Platz im deutschen Tor endgültig verloren, heißt es in der Nationalmannschafts-Geschichte. Fünf der elf Spieler von Kopenhagen kamen nie wieder in der Nationalelf zum Zug, Ertl eingeschlossen.

Kießling gehörte nicht zu diesen fünf. Knapp ein Jahr später, am 23. September 1928, stand er in Oslo wieder am linken Flügel. Vor 16.400 Zuschauern im Ullevaal-Stadion gewann Deutschland 2:0 gegen Norwegen, die Tore schossen Josef Schmitt und Ernst Kuzorra. Wieder waren drei Fürther dabei, diesmal Kießling, Leinberger und Georg Knöpfle. Danach kam keine Einladung mehr. So bleibt seine Länderspielbilanz kurz und doch rund: zwei Spiele, ein Sieg, eine Niederlage, ein Tor.

»In Kopenhagen wurde Nerz dann rasch deutlich, dass der Ersatz-Anzug hinten und vorne nicht ›passte‹.«
Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft

Genf, Völklingen und zurück nach Franken

Einen internationalen Auftritt hatte Kießling noch, diesmal mit dem Verein. Im Sommer 1930 reiste die SpVgg zum Tournoi International nach Genf, ohne Trainer, wie Libero International vermerkt. Am 29. Juni 1930 traf sie im Stade des Charmilles vor 15.000 Zuschauern auf den französischen Pokalsieger FC Sète. Das Spiel wurde zur Hitzeschlacht. Fürth lag zurück, als eine missglückte Flanke von Kießling den Torhüter Charles Frondas so überraschte, dass er den Ball zum 3:3 ins eigene Tor lenkte. Die Verlängerung brachte nichts, also wurde bis zum nächsten Tor weitergespielt. Nach 140 Minuten traf Karl Rupprecht, und zwar nach einer Flanke, die diesmal gelungen war. Absender: Kießling. Drei Tage später war das Turnier für Fürth mit einem 1:7 gegen die First Vienna beendet.

1931 wurde Fürth noch Süddeutscher Meister, 1931/32 spielte Kießling seine letzte Saison am Ronhof, 27 Ligaspiele, fünf Tore. Im März 1932 zog er aus beruflichen Gründen nach Völklingen an der Saar, wo er laut Chronik eine Anstellung gefunden hatte, die ihm zusagte. Welchen Beruf er ausübte, sagen die Quellen nicht. Fußball spielte er weiter, beim SV Völklingen 06, nach der Vereinsliste der Chronik als Spielertrainer.

1937 kehrte er nach Franken zurück. Wie es sportlich weiterging, ist nicht ganz klar. Der Chroniktext meint, er habe die Schuhe da schon an den Nagel gehängt. Die Stationsliste derselben Chronik und Wikipedia führen ihn dagegen bis 1939 beim FSV Nürnberg in der Bezirksklasse Mittelfranken.

Georg Kießling starb am 24. Juni 1964 in Fürth, im Alter von 61 Jahren. Er wurde auf dem Fürther Friedhof beigesetzt.

Georg Kießling auf einen Blick

Geboren: 7.3.1903 in Selbitz (Oberfranken)
Gestorben: 24.6.1964 in Fürth
Spitzname: »Görg« (auch »Görch«)
Vereine: SpVgg Selbitz (bis 1919), SpVgg Fürth (1919–1932, erste Mannschaft ab 1921), SV Völklingen 06 (1932–1937), FSV Nürnberg (1937–1939)
Position: Linksaußen
Titel: Deutscher Meister 1926 und 1929, Süddeutscher Meister 1931
Bilanz: 207 Ligaspiele, 55 Tore; 18 Pokalspiele, 5 Tore; 12 Endrundenspiele um die deutsche Meisterschaft, 1 Tor; 2 Länderspiele, 1 Tor (1927–1928)
Trainer: laut Kleeblatt-Chronik Spielertrainer in Völklingen

Quellen

Kleeblatt-Chronik: Georg Kießling · DFB-Datencenter: Georg Kießling · DFB-Datencenter: Dänemark–Deutschland 1927 · DFB-Datencenter: Norwegen–Deutschland 1928 · DBU-Landsholdsdatabasen: Danmark–Tyskland 1927 · Wikipedia: Georg Kießling · FürthWiki: Georg Kießling · Libero International · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker Fußball-Almanach 1996 · Kicker-Almanach 1959 · Libero D 6/7 1993