Hans Hagen – der grimmige Prinz vom Ronhof
Er sah nicht aus wie ein Fußballer, eher wie ein schmaler Buchhalter, nur mit einer Kriegsnarbe quer im Gesicht. Er redete wenig, lächelte noch weniger und wirkte neben seinen Gegenspielern beinahe zerbrechlich. Und doch war Hans Hagen zwanzig Jahre lang der Mann, an dem bei der SpVgg Fürth niemand vorbeikam: zwei deutsche Meisterschaften, zwölf Länderspiele, 368 Ligaspiele. Und ein Titel, den er als Kapitän fast 35-jährig mit einer Mannschaft holte, die gar keinen Trainer hatte.
»Auf Hans Hagen war immer Verlaß, gleichgültig ob er in der Läuferreihe stand oder als Verteidiger seine Gegner schachmatt setzte.«
Vom FC Schneidig zum Kleeblatt

Hans Hagen kommt am 15. Juli 1894 in Fürth zur Welt, in einer Stadt, in der Fußball schon damals eine Glaubensfrage ist. Mit elf Jahren läuft er beim FC Schneidig auf, einem Verein, dessen Name klingt wie ein Befehl vom Kasernenhof. Zwölf Jahre bleibt er dort.
Dann kommt der Erste Weltkrieg und nimmt ihm etwas, das er nie wieder zurückbekommt: ein unversehrtes Gesicht. Die Narbe, die er aus dem Krieg mitbringt, wird zu seinem Markenzeichen. Ein Nationalspieler-Lexikon von 1939 spricht ohne Umschweife von der »schrecklichen Kriegsnarbe im Gesicht«.
Im Juli 1917 wechselt Hagen zum großen Nachbarn, der Spielvereinigung. Er ist schon 23 und damit ein Spätstarter. Die Meisterschaft von 1914 hat er verpasst, auch wenn manche Bücher später anderes behaupten. Doch er holt schnell auf.
Schon 1920 steht er im Endspiel um die deutsche Meisterschaft. 35.000 Zuschauer drängen sich am 13. Juni in Frankfurt, Rekord, und es heißt Fürth gegen Nürnberg. Das ist das Frankenderby, nur eben mit dem Titel als Preis. Die Chronisten sehen auf beiden Seiten genau zwei ebenbürtige Mittelläufer: »Prinz« Hagen und einen 20-jährigen Zahnmedizinstudenten namens Hans Kalb. Der Club gewinnt 2:0. Hagen verliert sein erstes Finale, aber nicht seinen Platz in der Geschichte. Noch im selben Jahr debütiert er in der Nationalelf, in Wien gegen Österreich.
Der grimmige Prinz
Woher der Spitzname kommt, ist gut belegt. Die Narbe und dazu eine Miene, die offenbar nie Feierabend hatte, machten ihn zum »grimmigen Prinzen«. Abseits des Platzes galt er als verschlossen und in sich gekehrt. Wer ein Interview mit Pointen wollte, war bei Hagen an der falschen Adresse.
Auf dem Platz sprach er eine deutlichere Sprache. Das Lexikon von 1939 wunderte sich über seinen »feingliedrigen Körper«, in dem »man niemals die Stärke und Kraft und Schnelligkeit vermutete«. Die Kleeblatt-Chronik nennt ihn einen »Manndecker der ersten Stunde«, der sich »wie ein Terrier verbeißen konnte«. Ein Dribbelkünstler war er nicht, dafür kamen seine Direktschläge an. Außerdem war er »ein sicherer Elfmeterschütze«, und das bei einem Verteidiger, der in 368 Ligaspielen nur 28 Tore schoss.
Anfangs spielte er in der Läuferreihe, ab Mitte der Zwanziger in der Verteidigung. Die Rolle wechselte, die Zuverlässigkeit blieb.
In der Nationalelf sammelte er zwischen 1920 und 1930 zwölf Einsätze, gegen Italien, Holland, Schweden und die Schweiz. 1924 reiste er mit fünf weiteren Fürthern zum Länderspiel nach Amsterdam, die halbe Mannschaft kam vom Ronhof. Sein vorletztes Länderspiel bestritt er im März 1930 gegen Italien. Deutschland verlor 0:2, doch der Berichterstatter fand trotzdem Lob: Das »Schlußtrio, in dem sowohl Hagen als auch Stuhlfauth ihr Möglichstes leisteten«, sei »entschieden der beste Mannschaftsteil« gewesen. Da war Hagen 35.
Sogar die Konkurrenz zog den Hut. Hertha-Star Hans Sobek zählte ihn 1932 zu den »Fußballstrategen« der deutschen Spitzenklasse, in einer Reihe mit Kalb, Szepan und Kuzorra. Das ist bemerkenswert, denn Sobeks Hertha hatte gegen Fürth schon zwei Endspiele verloren.
Der große Tag: Meister ohne Trainer (Juli 1929)
Wenn man Leserinnen und Lesern nur eine Geschichte über Hans Hagen erzählen darf, dann diese.
Sommer 1929. Die SpVgg Fürth steht in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft, und ihr fehlt etwas, das heute jeder Kreisligist hat: ein Trainer. Also machen es die Alten selbst. Training und Aufstellung übernehmen die erfahrenen Spieler, allen voran »Prinz« Hagen und »Urbel« Krauß. Präsident Paul Sörgel begleitet das Team ständig und hält ihnen den Rücken frei. Kapitän ist Hagen. Er wird in diesem Sommer 35 Jahre alt.
Am 30. Juni geht es im Viertelfinale zum Titelverteidiger Hamburger SV, vor 25.000 Zuschauern im Bahrenfelder Stadion in Altona. Fürth gewinnt 0:2. Die Abwehr um Hagen und Krauß sei »ein schier unüberwindlicher Abwehrblock« gewesen, heißt es später.
Das Endspiel steigt am Sonntag, dem 28. Juli 1929, um 17 Uhr im Nürnberger Stadion, vor 50.000 Zuschauern. Der Gegner ist Hertha BSC, wie schon 1926. Für die Chronisten ist es das Duell der beiden »technisch versiertesten und spielkulturell besten deutschen Teams«. Es wird ein Spiel wie ein Pingpong-Match. Zweimal führt Fürth, zweimal gleicht Sobek aus, beim zweiten Mal sogar, obwohl Hertha seit der 63. Minute nur noch zu zehnt spielt. Alle rechnen mit einer Verlängerung, da trifft Rechtsaußen Karl Rupprecht fünf Minuten vor Schluss zum 3:2.
Geschenkt wird dabei nichts. Laut Kleeblatt-Chronik übersah der Schiedsrichter in der ersten Halbzeit einen klaren Elfmeter für Fürth. Das Spiel war so hart, dass es später Sperren nach sich zog. Hagen steht in der Verteidigung neben »Urbel« Krauß, hinter sich »Pippel« Neger im Tor, und hält die letzten fünf Minuten dicht.
Ein Detail macht den Tag endgültig historisch: Die zweite Halbzeit wurde im Rundfunk übertragen. Am Mikrofon saß Reichstrainer Dr. Otto Nerz, ausgerechnet der oberste Trainer des Landes. So kommentierte der ranghöchste Fußballlehrer Deutschlands, wie eine Mannschaft ohne Trainer Deutscher Meister wurde.
Für Hagen schließt sich ein Kreis, und zwar bis ins Detail. Pfeifenmann ist Dr. Peco Bauwens aus Köln, derselbe Schiedsrichter, der neun Jahre zuvor das verlorene Finale von 1920 geleitet hatte. Damals ging Hagen als Verlierer vom Platz. Jetzt hält er als Kapitän den Meistertitel in den Händen, den dritten in der Geschichte der Spielvereinigung.
»Der Titelgewinn gelang der SpVgg. Fürth ohne einen Trainer. Das Training und die Teamaufstellung wurde von den älteren Spielern ›Prinz‹ Hagen, ›Urbel‹ Krauß etc. geleitet.«
Die Sperre und die späten Jahre
Wer glaubt, ein Mann mit so viel Pflichtgefühl hätte nie Ärger mit Funktionären bekommen, irrt. Am 5. November 1934 meldete die Presse knapp: »Hans Hagen (Fürth) suspendiert«. Der bekannte süddeutsche Fußballspieler sei bis zum 30. November aus dem DFB ausgeschlossen worden, »weil er ohne Genehmigung des Bundesführers Vereine gegen Bezahlung trainierte«.
Man muss dazu wissen, dass der deutsche Fußball damals streng dem Amateurideal folgte und Geld verdächtig war. Hagen hatte seit 1932 nebenbei die SpVgg Ansbach trainiert, dazu weitere Vereine wie den SK Lauf. Ob genau das der Anstoß war, verraten die Quellen nicht. Die Strafe klingt im Jahr 1934 jedenfalls fast milde: drei Wochen Pause für einen Nationalspieler, der Vereinen zeigte, wie man verteidigt.
Danach macht Hagen das Unterrichten zum Beruf. Als städtischer Sportlehrer vermittelt er Bamberger Volksschülern seine Kunst und ist von 1935 bis 1939 Spielertrainer beim 1. FC Bamberg. Hin und wieder schnürt er selbst die Schuhe, wenn einer Bamberger Stadtauswahl ein Mann fehlt. Das Lexikon von 1939 staunt darüber, »was ein alter Spieler, den kein Gramm Fett beschwert, noch zu leisten vermag«.
1939 ruft ihn seine Heimatstadt als Sportlehrer zurück, und die Spielvereinigung macht ihn zum Trainer, bis 1947. Mit 48 Jahren läuft er laut einer Quelle sogar noch gelegentlich selbst auf. Mitten im Krieg, als die Kader dünn werden, ist das wohl weniger Eitelkeit als Notwendigkeit.
Hans Hagen stirbt am 11. Oktober 1957, mit 63 Jahren. Er hinterlässt keine großen Sprüche, dafür eine Bilanz, die für sich spricht.
Hans Hagen auf einen Blick
Geboren: 15.7.1894 in Fürth
Gestorben: 11.10.1957
Spitzname: »Prinz«, »der grimmige Prinz«
Vereine: FC Schneidig Fürth (1905–1917), SpVgg Fürth (1917–1934)
Position: Läufer, ab etwa 1926 Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1926 und 1929 (1929 als Kapitän), Vizemeister 1920
Bilanz: 368 Ligaspiele, 28 Tore; 12 Länderspiele (1920–1930)
Beruf: Städtischer Sportlehrer in Bamberg und Fürth
Trainer: SpVgg Ansbach (1932–1934), 1. FC Bamberg (1935–1939), SpVgg Fürth (1939–1947)
Quellen
Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero International · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1959 · Kleeblatt-Chronik · Ostdeutsche Morgenpost, 5.11.1934 · Der Querschnitt, Juni 1932 · Kleeblatt-Chronik: Endspiel 1929 · Spielbericht März 1930 nach dem Völkischen Beobachter vom 4.3.1930