Hans Schmidt – Bumbes, der Allgegenwärtige
Im Endspiel 1914 schickte ihn der Schiedsrichter vom Platz, trotzdem wurde er Deutscher Meister. So ungefähr lässt sich das Leben von Hans »Bumbes« Schmidt zusammenfassen: viel Reibung, am Ende meist ein Titel. Vier Meisterschaften holte er als Spieler, vier weitere als Trainer, dazu 16 Länderspiele. Nur eines davon bestritt er als Spieler der Spielvereinigung. Seinen schönsten Fürther Nachmittag erlebte er deshalb nicht auf dem Rasen, sondern Jahrzehnte später auf der Trainerbank im Zabo, beim 7:2 gegen den Club.
»Allüberall und allgegenwärtig, das war die Benotung für den rastlosen Schaffer und sie trifft den Nagel auf den Kopf.«
Ein Fürther Bub im Ronhof

Hans Schmidt kommt am 23. Dezember 1893 in Fürth zur Welt. Schon als Schüler läuft er im Ronhof dem Ball hinterher, laut Kleeblatt-Chronik gehört er seit Juli 1906 zur Jugend der Spielvereinigung. Mit 17 schafft er im Sommer 1911 den Sprung in die erste Mannschaft.
Den Feinschliff besorgt ein Engländer. Trainer William Townley, der Fürth vor dem Ersten Weltkrieg zu einer der spielstärksten Mannschaften des Landes formt, zieht den bisherigen Linksaußen eine Reihe zurück und macht ihn zum linken Läufer. Die »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« nennt diesen Umbau schlicht »einen Volltreffer«. Auf der neuen Position wird Schmidt Stammspieler, in der Saison 1913/14 kommt er auf 19 Ligaspiele.
Die Krönung folgt am 31. Mai 1914 in Magdeburg: Fürth gewinnt das Endspiel gegen den VfB Leipzig mit 3:2, das Siegtor fällt erst nach mehr als 150 Minuten. Schmidt erlebt das Ende allerdings nicht mehr auf dem Feld. In der 138. Minute stellt ihn Schiedsrichter Curt von Paquet vom Platz, laut einem Zeitungsbericht von 2021 »wegen unfairen Spiels«. Fürth zittert sich zu zehnt ins Ziel, und der Mann mit dem Platzverweis ist trotzdem Deutscher Meister. Die ganze Geschichte dieses Marathons erzählt die Biografie von Georg Wellhöfer.
Dann kommt der Krieg. Laut Wikipedia dient Schmidt beim bayerischen 19. Infanterie-Regiment an der Westfront und wird 1919 als Unteroffizier entlassen. Im selben Jahr wechselt er überraschend zum Nachbarn TV Fürth 1860. Im März 1922 folgt der Schritt, den ihm manche Fürther wohl lange nicht verziehen haben: Er geht zum Erzrivalen nach Nürnberg.
Bumbes, der Allgegenwärtige
Der Spitzname stammt, so die Überlieferung, aus der Schulzeit. Ein Gegenspieler rempelte den schmächtigen Schmidt so heftig an, dass er durch die Luft flog, und ein Zuschauer rief sinngemäß: »Schaut nur den kleinen Bumbes an!« Was genau ein »Bumbes« auf Fränkisch ist, übersetzt man besser nicht bei Tisch. Der Name blieb trotzdem ein Leben lang, in manchen Quellen auch als »Bumbas«.
Seine Stärke war die Ausdauer. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 staunt über einen Außenläufer, der plötzlich weit vorne auftauchte, als wäre er Stürmer, und Sekunden später im eigenen Tor stand, um für den herausgelaufenen Torwart Stuhlfauth einen Ball aus der Ecke zu köpfen. Die Kleeblatt-Chronik beschreibt ihn als dynamischen Kämpfertyp, der nie ein Spiel vorzeitig verloren gab.
Das brachte ihm früh die Nationalelf ein. Am 18. Mai 1913 debütiert der 19-Jährige in Freiburg gegen die Schweiz, als einer von zwei Fürthern neben Julius Hirsch. Es spielt die Elf um Kapitän Eugen Kipp, auf dem Platz an der Waldseestraße, vor 10.000 Zuschauern. Schiedsrichter ist Charles Barette. Die Schweizer führen durch Collet (10.) und Märki (25.) schnell 2:0, Kipp verkürzt kurz vor der Pause (43.). Danach fällt kein Tor mehr, Deutschland verliert 1:2. Es bleibt Schmidts einziges Länderspiel als Spieler der Spielvereinigung.
Beim Club blüht er dann erst richtig auf. Mit Nürnberg wird er 1924, 1925 und 1927 Deutscher Meister, bis Dezember 1926 kommt er auf insgesamt 16 Länderspiele. Für eine Zeit, in der die Nationalelf nur wenige Spiele im Jahr bestritt, ist das eine stattliche Zahl. 1928 wollte Reichstrainer Otto Nerz ihn nicht mehr mit zum Olympischen Turnier nach Amsterdam nehmen. Seine aktive Laufbahn beendet er 1929 als Spielertrainer beim ASV Nürnberg.
Der große Tag: Sieben Tore im Zabo (September 1956)
Sonntag, 30. September 1956, 15 Uhr, sechster Spieltag der Oberliga Süd. Der 1. FC Nürnberg empfängt die Spielvereinigung im Zabo, es ist laut Kleeblatt-Chronik das 175. Derby. 25.000 Zuschauer sind gekommen, Schiedsrichter ist Scheuring aus Schweinfurt. Auf der Fürther Bank sitzt ein Mann, der beide Vereine besser kennt als fast jeder andere: Hans Schmidt, inzwischen 62 Jahre alt und laut Chronik seit 1955 Trainer seines Heimatvereins.
Fürth war in der Saison zuvor laut dem Spielbericht noch »abstiegsbedroht«. Doch in den Wochen vor dem Derby hatte sich etwas verändert. Der Bericht schreibt die neue Geschlossenheit ausdrücklich Schmidts Training zu, dazu dem Einbau des Halbstürmers Kuhnert.
Was dann passiert, hat mit einem normalen Frankenderby wenig zu tun. Gottinger trifft in der 11. Minute, Kuhnert erhöht zweimal (27., 40.). Glomb verkürzt nur eine Minute später auf 1:3, aber das bleibt das letzte Aufbäumen des Clubs. Nach der Pause trifft wieder Gottinger (53.), dann zweimal ein Stürmer namens Schmidt (67., 78.), mit dem Trainer nicht zu verwechseln. Zenger gelingt noch das 2:6, ehe Landleiter in der 83. Minute den Schlusspunkt setzt.
Die Abwehr um Karl Mai und Herbert Erhard hielt Nürnbergs junge Stürmer im Griff. Nach vorne spielte Fürth laut dem Bericht »Kombinationen wie am Fließband«. Beim schönsten Tor, dem 1:5, wanderte der Ball von Gottinger zu Appis, zurück zu Gottinger, weiter zu Kuhnert und quer zu Schmidt, der nur noch einschieben musste. Der Chronist feierte Regisseur Max Appis als besten Mann auf dem Platz.
Für den Trainer war es ein besonderer Sieg. Er schlug den Verein, mit dem er drei Meisterschaften gewonnen und den er zweimal trainiert hatte, und das mit der Mannschaft, bei der alles angefangen hatte. Wie sehr ihn das berührte, verrät ein Zitat, das nordbayern.de 2021 überliefert hat.
»Die Tränen haben mir in den Augen gestanden, wie die gespielt haben! Und ausgerechnet die Blödel aus Fürth gewinnen das!«
Der Meistermacher und das Ende
Nach der Spielerzeit wurde Schmidt einer der erfolgreichsten Trainer seiner Generation. Laut Wikipedia übernahm er 1931 Schwarz-Weiß Essen und am 15. August 1933 den FC Schalke 04. Die Knappen hatten kurz zuvor das Endspiel gegen Fortuna Düsseldorf verloren. Unter Schmidt wurden sie 1934, 1935 und 1937 Deutscher Meister, 1937 gewannen sie auch den Pokal. Das Endspiel 1934 in Berlin gewann Schalke ausgerechnet gegen den 1. FC Nürnberg. Als die Mannschaft im Herbst 1934 schwächelte, erklärte der »alte Nürnberger Nationalspieler« der Presse, einige Spieler seien schlicht »aus dem Tritt gekommen«.
Später folgten unter anderem der VfR Mannheim, mit dem er 1949 Deutscher Meister wurde, zweimal der 1. FC Nürnberg, Borussia Dortmund und die Spielvereinigung. Wikipedia verzeichnet zudem seinen Eintritt in die NSDAP zum 1. Mai 1933. 1945 musste er den Club auf Druck der amerikanischen Besatzungsbehörden verlassen.
Im Ruhestand spielte er gern Karten im Fürther Café »Vaterland«, heißt es. Hans Schmidt starb am 31. Januar 1971 in Fürth, im Alter von 77 Jahren. Laut Wikipedia und nordbayern.de kam er zusammen mit seiner Schwester durch einen versehentlich offenen Gashahn ums Leben.
Hans Schmidt auf einen Blick
Geboren: 23.12.1893 in Fürth
Gestorben: 31.1.1971 in Fürth
Spitzname: »Bumbes« (auch »Bumbas«)
Vereine: SpVgg Fürth (Jugend ab 1906, erste Mannschaft 1911–1919), TV Fürth 1860 (1919–1922), 1. FC Nürnberg (1922–1928), ASV Nürnberg (1928/29, Spielertrainer)
Position: Linker Läufer, anfangs Linksaußen
Titel: Deutscher Meister 1914 (Fürth), 1924, 1925, 1927 (Nürnberg)
Bilanz: Für Fürth laut Chronik 61 Ligaspiele (4 Tore), 2 Pokalspiele (1 Tor), 8 weitere Spiele; 16 Länderspiele (1913–1926), davon 1 als Spieler der SpVgg
Trainer: u. a. Schwarz-Weiß Essen, FC Schalke 04 (Meister 1934, 1935, 1937), VfR Mannheim (Meister 1949), 1. FC Nürnberg, Borussia Dortmund, SpVgg Fürth (laut Chronik 1955–1957)
Quellen
Kleeblatt-Chronik: Hans Schmidt · Kleeblatt-Chronik: 1. FC Nürnberg – SpVgg Fürth 2:7 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Libero International (Endspiel 1914) · Libero D 3 (1992): Länderspiel Freiburg 1913 · Kicker-Almanach 1959 · DFB-Datencenter: Deutschland – Schweiz 1:2 · Ostdeutsche Morgenpost, 26.10.1934 · Wikipedia: Hans Schmidt (Fußballspieler, 1893) · nordbayern.de, 9.2.2021 · Gelsenkirchener Geschichten