Herbert Erhard – der Ertl, der Di Stéfano stoppte

Sein Name stand ein Leben lang falsch in der Zeitung. Überall hieß er Erhardt, mit „dt“, erst nach seinem Tod fiel auf, dass in der Geburtsurkunde Erhard steht. Den Fürthern war das egal, für sie war er ohnehin nur der „Ertl“. Weltmeister 1954, ohne eine Minute gespielt zu haben. Dann 49 Länderspiele als Fürther, viele davon als Kapitän der Nationalelf, und ein Abend in Frankfurt, an dem er Europas Fußballer des Jahres aus dem Spiel nahm.

Zeitstrahl: Herbert Erhards Laufbahn · 1942–1970
Herbert Erhards Laufbahn · 1942–1970
»Erhardt, der seine dritte WM machte, und Schnellinger waren die großen Figuren des deutschen Spiels. Zwei Abwehrspieler also, und das sagt genug.«
Fußball-Weltgeschichte, über Deutschland – Italien 0:0 in Santiago, 1962

Ein Fürther Bub am Ronhof

Erhardt Herbert – SpVgg Fürth
Herbert Erhard, Porträtpostkarte aus der Sammlung des Kleeblattmuseums

Herbert Erhard kommt am 6. Juli 1930 in Fürth zur Welt. Mitten im Krieg, 1942 oder 1943, je nach Quelle, tritt er der Jugend der Spielvereinigung bei. Mit Richard Gottinger, dem späteren Mitspieler in der Oberliga und in der Nationalelf, kickt er schon auf der Straße. In der Schülermannschaft soll ihn laut Wikipedia ein gewisser Hans Hagen trainiert haben, zweifacher Meister und Nationalspieler. Besser kann man als Fürther Verteidiger nicht in die Lehre gehen.

Die Jugend jener Jahre war stark. Erhard selbst erinnerte sich später an eine der besten Jugendelfen Süddeutschlands, gleichauf mit dem Club und Germania Nürnberg. Am 20. Juni 1948 darf er zum ersten Mal in der Oberliga ran, beim 3:0 gegen Wacker München, als rechter Läufer. Er ist noch keine 18. Und er kommt zu spät, um zu retten: Fürth steigt ab.

Der Umweg ist kurz. Nach einem Jahr Landesliga ist die Spielvereinigung wieder oben, 1950 wird sie sensationell Süddeutscher Meister, 1951 Vizemeister. Erhard wechselt sich anfangs mit Ernst Sieber ab, weil man damals noch nicht auswechseln durfte und die erste Elf schwer zu knacken war. 1951 ist er dann Stammspieler, bestreitet 25 Oberligaspiele und fünf Endrundenspiele um die deutsche Meisterschaft. Gegen Kaiserslautern platzt der Traum mit einem 1:3 im Ronhof.

Danach zerfällt der Fürther Meistersturm, Brenzke und Schade gehen zum Club. Die Abwehr bleibt eine der besten im Süden, vorne aber fehlen die Tore. Also muss der Verteidiger nach vorne. In der Saison 1954/55 schießt Erhard zwölf Oberligatore, mehr als in allen anderen Fürther Spielzeiten zusammen. Eine Notlösung, wie die Kleeblatt-Chronik festhält, denn sein Platz war hinten: Über ein Jahrzehnt lang ist er der Chef der Fürther Abwehr und ihr Kapitän.

Der Ertl und seine Grätsche

Was machte ihn so gut? Auf dem Platz sprach vor allem eine Waffe für ihn: das Sliding Tackling. Damals galt die Grätsche als Grenzfall des Erlaubten. Die Chronik betont, Erhard habe sie so sauber beherrscht, dass seine Gegner unverletzt blieben, weil er immer nur den Ball wollte. Dazu kamen Kopfballstärke, Stellungsspiel und Fleiß. Er sei stets eine Stunde vor dem Training da gewesen, um am Pendel Kopfbälle zu üben, erzählte er später.

Andere sahen ihn knorriger. Das Buch zur Geschichte der Nationalmannschaft nennt ihn einen »knorrigen Stopper und Verteidiger alter Schule«. Uwe Seeler erinnerte sich an ihn als den »eisenharten Mittelläufer aus Fürth«.

Bundestrainer Sepp Herberger hatte die Fürther schon in den Endrunden 1950 und 1951 beobachtet. Am 11. Oktober 1953 debütiert Erhard in Stuttgart gegen das Saarland, beim 3:0 in der WM-Qualifikation. Mit ihm stehen Karl Mai und Richard Gottinger zum ersten Mal in der A-Elf, drei Fürther Neulinge auf einen Streich.

Dann kommt die WM 1954 in der Schweiz. Erhard ist im Kader und wird Weltmeister, ohne ein Spiel zu machen. Die Zeit auf der Bank sei für ihn die schlimmste gewesen, sagte er, aber er sei eben einer der Jüngsten gewesen. Fürth feierte trotzdem zwei Weltmeister, ihn und Karl Mai. Im Dezember 1954 gelingt ihm in Lissabon beim 3:0 gegen Portugal sein einziges Länderspieltor.

Sein Durchbruch kommt 1957/58. Da wird er zur festen Größe der Abwehr, und zwar genau in dem Frühjahr, in dem Herberger seine Elf für Schweden sucht.

Der große Tag: Di Stéfano in Frankfurt (März 1958)

Mittwoch, 19. März 1958, Waldstadion in Frankfurt. 81.000 Zuschauer sind gekommen, das Buch zur Nationalmannschaft spricht sogar von 82.000. Die Gäste aus Spanien bringen einen Innensturm mit, der auf dem Papier jede Abwehr der Welt zerlegt: László Kubala, Luis Suárez und in der Mitte Alfredo Di Stéfano von Real Madrid. Es ist die Generalprobe für die WM, und für Fritz Walter das Comeback nach 15 Monaten Pause.

Herberger stellt Erhard zum ersten Mal auf die Position des Mittelläufers, direkt vor den Mann, um den sich bei Real alles dreht. Schiedsrichter ist der Engländer Arthur Ellis. Das Spiel bleibt lange torlos. Kurz vor der Pause, in der 45. Minute, trifft Bernhard Klodt zum 1:0. Zwei Minuten nach Wiederbeginn legt Hans Cieslarczyk das 2:0 nach. Mehr passiert nicht, und das ist das eigentliche Kunststück: Die Spanier mit ihren Stars bleiben ohne Tor.

Aufstellung: Deutschland gegen Spanien 2:0 · 19. März 1958 · Erhard erstmals als Mittelläufer
Deutschland gegen Spanien 2:0 · 19. März 1958 · Erhard erstmals als Mittelläufer

Die Chroniken sind sich einig, wer dafür sorgte. Di Stéfano, heißt es im Buch zur Nationalmannschaft, wurde von Erhard ausgeschaltet. Die Kleeblatt-Chronik schreibt ihm einen erheblichen Anteil am Sieg zu. Laut Wikipedia fand Herberger an diesem Abend seine Abwehr für das Turnier: Herkenrath, Stollenwerk, Juskowiak, davor Eckel, Erhard und Szymaniak.

Bewundert wurde das nicht überall. Eine Fußball-Weltgeschichte erinnert sich weniger an die Eleganz als an die Härte des Duells. Und die Kleeblatt-Chronik berichtet, dass Erhard in den Oberliga-Wochen danach auf manchem Platz von den Rängen angepöbelt wurde. Er nahm es gelassen. Das ganze Theater habe ihn überhaupt nicht beeindruckt, sagte er, er sei schließlich »alles andere als ein Sensibelchen« gewesen.

Der Rest ist WM-Geschichte. In Schweden bestreitet Erhard alle sechs Spiele, die meisten als Mittelläufer. Die Abwehr gilt einem Berichterstatter als »hart wie Kruppstahl«. Deutschland verliert erst im Halbfinale in Göteborg mit 1:3 gegen den Gastgeber. Im Spiel um Platz drei muss Erhard auf die Außenverteidigerposition und bekommt es mit Just Fontaine zu tun. Frankreich gewinnt 6:3.

»Unvergessen ist etwa die Brutalität, mit der der Fürther Herbert Erhardt 1958 beim Frankfurter Länderspiel Deutschland – Spanien (2:0) den großen Spanier bekämpfte.«
Fußball-Weltgeschichte von 1846 bis heute

Kapitän, Wechsel, Schulhof

Am 20. Mai 1959 führt Erhard die Nationalelf gegen Polen zum ersten Mal als Kapitän aufs Feld. Wie oft er die Binde trug, ist nicht ganz klar, die Angaben schwanken zwischen 18 und 20 Spielen. Im Oktober 1960 gewinnen die »Mannen um den Fürther Kapitän Herbert Erhardt« in Belfast 4:3, der erste Sieg einer DFB-Elf auf britischem Boden.

Die WM 1962 in Chile wird seine dritte. Diesmal spielt er als Stopper hinter dem Libero Schnellinger, gegen Italien, die Schweiz und Chile steht die Abwehr. Im Viertelfinale fällt fünf Minuten vor Schluss das 0:1 gegen Jugoslawien. Es ist Erhards 49. Länderspiel und sein letztes als Fürther. »Weinend wankte ›Ertl‹ Erhardt vom Feld«, schreibt die Fußball-Weltgeschichte.

Reich wurde man in Fürth nicht. 320 Mark im Monat, mehr erlaubte der DFB nicht, dafür bekam der Verein für jedes Länderspiel seines Stars 250 Mark für die Jugendarbeit. 1962 wechselt Erhard mit 32 Jahren zum FC Bayern München, nach seinen eigenen Worten für 50.000 Mark Handgeld, von denen er sich ein Haus baute. In Fürth sorgte das für Wirbel. Sein 50. und letztes Länderspiel bestreitet er schon im Bayern-Trikot, am 30. September 1962 in Zagreb, beim 3:2 gegen Jugoslawien. Die drei Tore schießt Heinz Strehl vom Club.

Zwei Jahre spielt er in München, zuletzt an der Seite der jungen Sepp Maier und Franz Beckenbauer. 1964 hört er auf. Danach trainiert er Amateurvereine, die SpVgg Büchenbach, den BC Augsburg und nach der Fusion den FC Augsburg, später unter anderem die SG Quelle Fürth. Hauptberuflich wird er Sportlehrer an der Fürther Hauptschule in der Pfisterstraße, bis zur Pensionierung 1994. Weil er im Sommer mit den Jugendlichen im Freibad am Scherbsgraben kickte, nannte man ihn in der Stadt auch »Boadmassder«, den Bademeister.

Er wohnte nur einen Steinwurf vom Ronhof entfernt und war bei den Heimspielen der Spielvereinigung gern gesehener Gast. 2007 bekam er einen Stein auf dem Fürther Ehrenweg. Herbert Erhard starb am 3. Juli 2010 nach langer Krankheit in Fürth, drei Tage vor seinem 80. Geburtstag. Es war der Tag, an dem die Nationalelf bei der WM in Südafrika Argentinien 4:0 schlug. Gegen Argentinien hatte er 1958 sein erstes WM-Spiel gemacht.

Herbert Erhard auf einen Blick

Geboren: 6.7.1930 in Fürth
Gestorben: 3.7.2010 in Fürth
Spitzname: »Ertl«, später auch »Boadmassder«
Vereine: SpVgg Fürth (Jugend ab 1942/43, Liga 1948–1962), FC Bayern München (1962–1964)
Position: Verteidiger, Läufer, Mittelläufer, Stopper
Titel: Weltmeister 1954 (ohne Einsatz), Süddeutscher Meister 1950, Vizemeister 1951
Bilanz: 335 Oberligaspiele und 19 Tore für Fürth (dazu 16 Spiele in der Landesliga), rund 800 Spiele insgesamt; 50 Länderspiele, 1 Tor, davon 49 als Fürther
Beruf: Sportlehrer in Fürth (bis 1994)
Trainer: SpVgg Büchenbach, BC Augsburg, FC Augsburg, SpVgg Landshut, 1. FC Herzogenaurach, SG Quelle Fürth, TSV Wachendorf

Quellen

Kleeblatt-Chronik: Herbert Erhard · Kleeblatt-Chronik: Nachruf 2010 · Kleeblatt-Chronik: 1. FCN – Fürth 2:7 (1956) · DFB-Datencenter: BRD – Spanien 2:0 · RSSSF: Länderspiele · RSSSF: Ligaspiele · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Fußball-Weltgeschichte von 1846 bis heute · Kicker-Almanach 1959 · Wikipedia · FürthWiki · Uwe Seeler: Danke, Fußball! (2003)