Julius »Juller« Hirsch – vier Tore, zwei Titel, ein ausgelöschter Name
Julius Hirsch war klein, flink und hatte einen linken Fuß, vor dem ganz Europa Respekt hatte. Er wurde mit zwei Vereinen Deutscher Meister, und im März 1912 gelang ihm, was vor ihm kein deutscher Nationalspieler geschafft hatte: vier Tore in einem Länderspiel. Man nannte ihn »Juller«. Er kämpfte vier Jahre für Deutschland im Ersten Weltkrieg. Und er war Jude. Deshalb verlor er 1933 seine sportliche Heimat, fehlte 1939 im Lexikon der deutschen Nationalspieler und wurde 1943 deportiert und ermordet. Dies ist die Geschichte eines großen Fußballers und eines Landes, das ihn nicht mehr haben wollte.
»Leider muss ich nun bewegten Herzens meinem lieben KFV, dem ich seit 1902 angehöre, meinen Austritt anzeigen.«
Der Kleine mit dem linken Hammer

Julius Hirsch kommt am 7. April 1892 in Achern zur Welt, als jüngster von vier Söhnen und eines von sieben Kindern. Sein Vater Berthold ist Kaufmann, hat im Krieg 1870/71 gekämpft und ist durch und durch deutsch-national. Die Familie zieht nach Karlsruhe, und mit zehn Jahren tritt Julius 1902 dem Karlsruher Fußballverein bei. Der KFV ist damals so etwas wie der FC Bayern der Kaiserzeit, nur mit Schnurrbart.
1909 gibt ihm der englische Trainer William Townley die erste Chance in der ersten Mannschaft, und der 17-Jährige trifft prompt. Hirsch ist klein und schnell und läuft leicht gebückt, als würde er den Ball ständig suchen. Wenn er ihn gefunden hat, kommt der linke Fuß. Er beginnt als Linksaußen und rückt auf Halblinks.
Dort bildet er mit Fritz Förderer und Gottfried Fuchs den berühmtesten Innensturm, den Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg hatte. Zwischen 1910 und 1913 spielen die drei 54 Partien zusammen. Sepp Herberger, der spätere Weltmeistertrainer, schwärmt noch Jahrzehnte später von ihren Kombinationen. Am 15. Mai 1910 gewinnt der KFV in Köln das Endspiel gegen Holstein Kiel mit 1:0 nach Verlängerung. Hirsch ist 18 und Deutscher Meister.
Im Februar 1912 schießt er Süddeutschland in Berlin zum Kronprinzenpokal. Das Finale gegen Brandenburg endet 6:5, und Hirsch trifft gleich in der ersten Minute. Spätestens jetzt kennt man seinen Namen auch jenseits von Baden. Hirsch ist ein Star der Kaiserzeit: Er ziert Titelblätter der Fachpresse und Zigarettensammelbilder, sogar ein Spielball trägt seinen Namen.
Der große Tag: vier Tore in Zwolle (24. März 1912)
Wenn man von Julius Hirsch nur eine Geschichte erzählen darf, dann diese.
Im Frühjahr 1912 ist die deutsche Nationalmannschaft gerade vier Jahre alt und hat mehr Niederlagen als Siege gesammelt. Für das Spiel in Zwolle stellt der DFB eine Elf auf, die im Kern ein Karlsruher Vereinsausflug ist: sechs Spieler vom KFV, dazu die beiden Außenstürmer vom Stadtrivalen Phönix. Acht von elf kommen aus Karlsruhe.
Was dann passiert, geht in die Geschichte ein. Deutschland und Holland liefern sich ein Spiel, das Fachleute später zu den besten der Vorkriegszeit zählen, und am Ende steht es 5:5. Vier der fünf deutschen Tore schießt Julius Hirsch, das fünfte sein Sturmpartner Gottfried Fuchs. Vier Tore eines Deutschen in einem Länderspiel, das hatte es bis dahin noch nie gegeben. Es bleiben übrigens Hirschs einzige Länderspieltore: Er hat sie alle an einem einzigen Tag verbraucht.
Der Lohn folgt prompt. Hirsch fährt im Sommer mit zu den Olympischen Spielen nach Stockholm und spielt gegen Österreich und Ungarn. Ausgerechnet beim 16:0 gegen Russland, dem höchsten Sieg der deutschen Länderspielgeschichte, fehlt er. Dort schießt Gottfried Fuchs zehn Tore. So schreiben die beiden jüdischen Karlsruher im selben Jahr Länderspielgeschichte. Keiner von ihnen ahnt, dass man sie ein Vierteljahrhundert später aus der deutschen Fußballgeschichte streichen wird.
Meister mit dem Kleeblatt
Nach seinem Militärdienst tritt Hirsch eine Stelle bei der Spielwarenfabrik Gebrüder Bing in Nürnberg an. Das ist für einen Fußballer eine gefährliche Adresse, denn gleich nebenan liegt Fürth. Dort trainiert inzwischen ein alter Bekannter, William Townley, der Mann, der ihn in Karlsruhe entdeckt hat. Im April 1913 wechselt Hirsch zur Spielvereinigung. Als Fürther bestreitet er noch drei Länderspiele.
Die Saison 1913/14 wird seine beste in Franken: 17 Tore in 18 Ligaspielen. Mit Fürth erreicht er das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am 31. Mai 1914 in Magdeburg gegen den VfB Leipzig. Es wird ein Marathon: 3:2 nach Verlängerung, das Siegtor fällt erst in der 153. Minute. Hirsch spielt halblinks und ist damit zum zweiten Mal Deutscher Meister, mit dem zweiten Verein. Die Kleeblatt-Chronik führt ihn als Kapitän dieser Mannschaft. Die Endrunden-Statistik von Libero nennt dagegen Karl Burger, das lässt sich nicht mehr eindeutig klären.
Neun Wochen nach Magdeburg beginnt der Erste Weltkrieg. Am 7. August 1914 rückt Hirsch ein und bleibt vier Jahre Soldat. Er wird Vizefeldwebel und erhält das Eiserne Kreuz II. Klasse. Mehrere Fürther Meisterspieler kehren nicht zurück, Hirsch schon. 1918/19 schießt er für Fürth noch neun Tore in sechs Spielen, dann kehrt er 1919 nach Karlsruhe zurück, zum KFV und in die Firma seines Vaters.
Die Deutsche Signalflaggenfabrik stellt nach dem Krieg auf Sportartikel um. Ihre Lederfußbälle der Marke »Hirsch« machen den Namen noch einmal bekannt. 1920 heiratet Julius die Modistin Ella Hauser, die Kinder Heinold und Esther kommen 1922 und 1928 zur Welt. 1926 wird er Geschäftsführer, und ein Jahr später steigt Gottfried Fuchs als Teilhaber ein. Die beiden Sturmpartner sind jetzt Geschäftspartner. Mitte der Zwanziger hängt Hirsch die Schuhe an den Nagel, bei den Alten Herren des KFV spielt er weiter.
Der Brief von 1933 und der Weg nach Auschwitz
Im Februar 1933 geht die Familienfirma in Konkurs, und Hirsch verliert seine Stelle als Geschäftsführer. Wenige Wochen später liest er in der Zeitung, dass die großen süddeutschen Vereine beschlossen haben, Juden aus ihren Reihen zu entfernen. Auch sein KFV gehört dazu. Am 10. April 1933 setzt er sich hin und schreibt seinem Verein:
»Leider muss ich nun bewegten Herzens meinem lieben KFV, dem ich seit 1902 angehöre, meinen Austritt anzeigen. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass es in dem heute so gehassten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und vielleicht noch viel mehr national denkende und auch durch die Tat bewiesene und durch das Herzblut vergossene deutsche Juden gibt.«
Es ist der Brief eines Mannes, der sich als Deutscher fühlt, als Frontsoldat, als Nationalspieler. Er kann sich nicht vorstellen, was dieser Staat mit ihm vorhat. Er tritt aus, um dem Verein »nicht zur Last zu fallen«. Bemerkenswert ist die Antwort: Der KFV lehnt die Austrittserklärung ab und bedauert sie, wie der Historiker Werner Skrentny herausgefunden hat. Am Lauf der Dinge ändert das nichts. Die Historikerin Anna Ullrich liest den Brief als bewusst gewählten Abschied: Hirsch nutzt ihn, um den Verein an seine dreißigjährige Mitgliedschaft zu erinnern. Andere wählten 1933 den entgegengesetzten Weg und weigerten sich, freiwillig zu gehen. Sie ließen sich lieber hinauswerfen. Hirsch ging selbst, aber nicht schweigend.
Hirsch sucht sich neue Arbeit. Er trainiert eine Saison lang den Verein FA Illkirch-Graffenstaden im Elsass und spielt dann beim Jüdischen Turnclub 03 Karlsruhe, wo jüdische Sportler nach 1933 noch spielen konnten. Der Club gehört zum Sportbund des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten, und 1936 führt Hirsch ihn als Trainer zur badischen Meisterschaft. Er arbeitet als Vertreter und als Hilfsbuchhalter in einer jüdischen Papierfabrik. 1938 wird die Firma »arisiert«, und Hirsch ist wieder arbeitslos. Ein Versuch, als Trainer in der Schweiz unterzukommen, scheitert, obwohl ihn dabei Peco Bauwens unterstützt, der frühere Nationalspieler und spätere DFB-Präsident.
Im November 1938 besucht er Verwandte in Frankreich. Auf der Rückreise erleidet er einen schweren seelischen Zusammenbruch und kommt in eine psychiatrische Klinik in Bar-le-Duc. Während er dort liegt, brennen in Deutschland die Synagogen. Hirsch fürchtet, seine Familie sei ermordet worden. Er bleibt bis 1939 in der Klinik und kehrt dann nach Karlsruhe zu seiner Familie zurück.
1942 oder 1943, die Quellen schwanken, lassen er und Ella sich scheiden, damit sie und die Kinder weniger gefährdet sind. Für ihn selbst bedeutet das den Verlust des letzten Schutzes. Er muss sich nun »Julius Israel Hirsch« nennen, und das städtische Tiefbauamt verpflichtet ihn als Hilfsarbeiter auf einem Schuttplatz. Der zweifache Deutsche Meister schaufelt Schutt.
Im Februar 1943 erhält er von der Gestapo die Mitteilung, er werde zu einem »Arbeitseinsatz« gebracht. Einer Überlieferung nach bietet ihm ein Lokführer, den er aus alten Fußballtagen kennt, Hilfe zur Flucht an. Hirsch lehnt ab. Am 1. März 1943 wird er mit elf weiteren badischen Juden vom Karlsruher Hauptbahnhof aus deportiert. Zwei Tage später schreibt er aus Dortmund eine Postkarte zum 16. Geburtstag seiner Tochter Esther:
»Meine Lieben. Bin gut gelandet, es geht gut. Komme nach Oberschlesien, noch in Deutschland. Herzliche Grüße und Küsse euer Juller«
Es ist sein letztes Lebenszeichen. Der Transport führt nach Auschwitz. Im Aufnahmebuch des Lagers taucht sein Name nicht auf. Ob Julius Hirsch das Lager überhaupt lebend erreichte, ist bis heute ungeklärt. Die meisten Menschen dieses Transports wurden unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Wann und wo er starb, weiß niemand. 1950 erklärt ihn das Amtsgericht Karlsruhe für tot, mit dem Datum 8. Mai 1945.
Seine Kinder werden noch im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Heinold ist 22, Esther 17. Beide überleben und kehren im Juni 1945 nach Karlsruhe zurück.
Ausgelöscht und wiedergefunden
Die Nationalsozialisten nahmen Julius Hirsch nicht nur das Leben, sie nahmen ihm auch seinen Platz in der Fußballgeschichte. Das lässt sich an einem Buch zeigen.
1939 erscheint das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler«. Es führt alle Nationalspieler seit 1908 alphabetisch auf, mit Geburtsdatum, Verein, Beruf und Länderspielen. Auf »Hiller« folgt dort direkt »Hirth«. Julius Hirsch, der Mann mit den vier Toren von Zwolle, kommt nicht vor. Auch Gottfried Fuchs mit seinen zehn Toren gegen Russland fehlt. Dieselbe Ausgabe schwärmt von der Karlsruher Meisterelf als »Gemeinschaft vollendeter Könner« und widmet Fritz Förderer eine lange Hommage, ohne seine beiden Sturmpartner mit einem Wort zu erwähnen. Aus dem berühmten Trio ist ein Solist geworden. Systematisch war diese Tilgung allerdings nicht: Der Historiker Markwart Herzog nennt sie »sehr inkonsequent durchgeführt«. Das Lexikon ist ein Beispiel dafür, wie sie aussah, wo sie stattfand.
Auch nach dem Krieg tut man sich schwer. Die offizielle DFB-Geschichte der 1950er Jahre führt Hirsch unter den Toten mit der Angabe »gestorben 1939/45 im Getto«. Gottfried Fuchs, der rechtzeitig nach Kanada emigriert war, lehnt Einladungen seines alten Vereins KFV sein Leben lang ab, »weil sie den Julius Hirsch ermordet haben«. Umgekehrt lehnt der DFB noch 1972 die Idee ab, Fuchs zu ehren. Die ersten öffentlichen Ehrungen für Julius Hirsch gibt es erst 1998, 55 Jahre nach seiner Deportation.
Erst sehr spät kehrt Hirsch in die Erinnerung zurück. 2005 stiftet der DFB den Julius-Hirsch-Preis für Toleranz und gegen Antisemitismus. 2006 wird vor seinem letzten Wohnhaus in der Murgstraße 7 in Karlsruhe ein Stolperstein verlegt. In Berlin spielen die Fußballer von TuS Makkabi auf den Julius-Hirsch-Sportplätzen, Karlsruhe benennt 2013 eine Straße nach ihm. Die Fans von Borussia Dortmund erinnern jedes Jahr am 3. März an den Ort seiner letzten Postkarte.
Und Fürth? Der Stadtrat beschließt 2014 einstimmig, ein neues Sportzentrum nach ihm zu benennen, 2017 wird es eingeweiht. Sein Enkel nennt das »sehr passend«, genau 100 Jahre nachdem Julius Hirsch mit der Spielvereinigung Deutscher Meister geworden war.
Julius Hirsch auf einen Blick
Geboren: 7.4.1892 in Achern (Baden)
Gestorben: 1943 nach der Deportation ermordet, Ort und Datum unbekannt (Transport nach Auschwitz); amtlich für tot erklärt mit Datum 8.5.1945
Spitzname: »Juller«
Position: Linksaußen, Halblinks
Vereine: Karlsruher FV (1902–1913, 1919 bis Mitte der 1920er), SpVgg Fürth (1913–1919), Jüdischer Turnclub 03 Karlsruhe (1934/35)
Titel: Deutscher Meister 1910 (KFV) und 1914 (SpVgg Fürth), Vizemeister 1912, Kronprinzenpokal 1912
Länderspiele: 7 (1911–1913), 4 Tore, alle am 24.3.1912 gegen Holland; Olympische Spiele 1912
Fürth: 1913/14: 17 Tore in 18 Ligaspielen
Beruf: Kaufmann, Geschäftsführer der Deutschen Signalflaggenfabrik (Fußbälle der Marke »Hirsch«)
Erinnerung: Julius-Hirsch-Preis des DFB (seit 2005), Stolperstein Murgstraße 7 Karlsruhe, Julius-Hirsch-Sportzentrum Fürth
Quellen
Kleeblatt-Chronik · Wikipedia · Stadtlexikon Karlsruhe · DFB · Libero International · Libero D 3/1992 · Kicker-Almanach 1959 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Markwart Herzog, Rezension zu Skrentny (H-Soz-Kult 2012) · Friedrich Hestermann, Das Verbot politischen Verhaltens im Sport, Duncker & Humblot 2023, S. 120 · Anna Ullrich, Von »jüdischem Optimismus« und »unausbleiblicher Enttäuschung«, De Gruyter 2019 · Biografien: Werner Skrentny, Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet., Die Werkstatt 2012; Swantje Schollmeyer, Julius »Juller« Hirsch, Hentrich & Hentrich 2007