Karl Burger – der erste Fürther im Nationaltrikot

Als Karl Burger 1908 nach Fürth kam, spielte die Spielvereinigung in der A-Klasse Mittelfranken. Sechs Jahre später war sie Deutscher Meister und mit 3.000 Mitgliedern der größte Fußballverein des Landes. Dazwischen liegen elf Länderspiele und eine Kapitänsbinde. Der Schwabe war der erste Spieler des Kleeblatts, der je das Nationaltrikot trug. Und er tat es ausgerechnet an dem Tag, an dem Deutschland zum ersten Mal überhaupt ein Länderspiel gewann.

Zeitstrahl: Karl Burgers Laufbahn · 1896–1932
Karl Burgers Laufbahn · 1896–1932
»Ein Mittelläufer, wie ihn die Geschichte der Spielvereinigung nur noch einmal mit Karl Burger aus der Vorkriegszeit kannte.«
Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Vom Stuttgarter Torwart zum Fürther Läufer

Burger Karl – SpVgg Fürth
Karl Burger, Porträtpostkarte aus der Sammlung des Kleeblattmuseums

Karl Burger kommt am 26. Dezember 1883 in Stuttgart zur Welt, einen Tag nach Heiligabend. Mit zwölf spielt er beim FC Karlsvorstadt, ab 1900 bei den Sportfreunden Stuttgart. Dort steht er zunächst im Tor. Eine hübsche Pointe, denn aus dem Torwart wird später ein Läufer, der für Fürth 58 Ligatore schießt.

1904 zieht er nach Augsburg. Welcher Verein es dort genau war, ist nicht ganz geklärt: Die Kleeblatt-Chronik nennt den MTV, andere Quellen den Turnverein 1847 oder die »Schwaben«. Sicher ist, dass er im Dezember 1907 weiterzieht.

Am 11. März 1908 tritt Burger der SpVgg Fürth bei, Mitgliedsnummer 77. Der Verein ist gerade fünf Jahre alt. Neben Karl Franz, Georg Wellhöfer und Georg Wunderlich hat der Neue sofort seinen Stammplatz, mal in der Läuferreihe, mal in der Verteidigung. Die Kleeblatt-Chronik sieht in seiner Verpflichtung den Moment, in dem die Fürther in den Kreis der deutschen Spitzenvereine aufsteigen. Im Ronhof wird er schnell zum Publikumsliebling, laut Chronik »rasch zum Fußball-Idol«. Ein Spitzname ist kaum überliefert. Nur eine Quelle, die Olympia-Datenbank Olympedia, nennt ihn »Karle«.

Rechtsfuß mit Offensivgeist

Was für ein Spieler war Burger? Die Quellen sind sich in einem Punkt einig: vielseitig. Ein Libero-Heft von 1992 beschreibt ihn als »Rechtsfüßler«, der überall einsetzbar war und in den letzten Jahren meist als Verteidiger spielte. Eine andere Ausgabe zählt Außenläufer, Verteidiger und rechten Halbstürmer auf. Das Lexikon der Nationalspieler von 1939 führt als »Stammposten« schlicht Verteidiger.

Ein reiner Zerstörer war er offenbar nicht. Die »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« lobt seinen »Offensivgeist« und das Zusammenspiel mit Eugen Kipp, seinem alten Mitspieler aus Stuttgarter Tagen. Die beiden seien »kaum zu bremsen« gewesen. Die Zahlen der Chronik passen dazu: 58 Tore in 109 Ligaspielen für Fürth, davon allein 23 in 18 Spielen der Saison 1912/13. Wo genau er in diesem Jahr auflief, verraten die Quellen nicht.

Wie hoch man ihn in Fürth hielt, zeigt ein Satz aus dem Jahr 1939. Das Lexikon der Nationalspieler lobt darin den großen Mittelläufer Ludwig Leinberger und findet in der Vereinsgeschichte nur einen Vergleich: Karl Burger.

Im Nationalteam wird er zwischen 1909 und 1912 elfmal berufen, damals eine stattliche Zahl. Die Chronik führt ihn in allen elf Spielen als linken Läufer. Ab 1911 ist er Stammspieler. Er spielt gegen die Schweiz, England, Belgien, Schweden, Österreich und Holland, darunter das 5:5 von Zwolle im März 1912, in dem der Karlsruher Julius Hirsch viermal traf, der später selbst nach Fürth wechselte.

Sein letztes Länderspiel ist gleichzeitig das verrückteste. Beim Olympischen Turnier in Stockholm verliert die deutsche Elf zum Auftakt gegen Österreich und rutscht in die Trostrunde. Dort wartet am 1. Juli 1912 Russland, vor 2.000 Zuschauern. Burger steht als einziger Fürther in der Elf. Deutschland gewinnt 16:0, bis heute der höchste Sieg der Nationalmannschaft. Gottfried Fuchs trifft zehnmal. Das 7:0 in der 30. Minute schießt Karl Burger. Es bleibt sein einziges Länderspieltor.

Dazu kommt die Auswahl des Südens. Mit Süddeutschland gewinnt er 1910 und 1912 den Kronprinzenpokal, den Wettbewerb der Landesverbände. 1911 fehlt er im Endspiel, und prompt verliert der Süden, wie ein Libero-Heft trocken vermerkt.

Der große Tag: Der erste Fürther und der erste Sieg (April 1909)

Deutschlands Nationalmannschaft ist im Frühjahr 1909 noch keine Erfolgsgeschichte. Vier Länderspiele hat sie bis dahin bestritten, alle verloren. Drei Wochen zuvor ist sie in Oxford gegen England mit 0:9 untergegangen. Nun kommt die Schweiz, und die Gäste gelten als Favorit.

Dazu kommt ein Kuriosum der Zeit. Einen Bundestrainer gibt es nicht. Die Landesverbände benennen die Spieler nach einem festen Schlüssel. Am 4. April spielt eine norddeutsche Auswahl in Budapest gegen Ungarn, also stellt der Süden die Elf gegen die Schweiz. So kommt Karl Burger von der SpVgg Fürth zu seinem ersten Länderspiel. Für den Verein ist es ein historischer Tag: Zum ersten Mal steht ein Kleeblättler im Nationaltrikot.

Gespielt wird in Karlsruhe, im Stadion des Karlsruher FV an der Telegraphenkaserne. Laut dem Karlsruher Stadtarchiv kommen gut 5.000 Zuschauer, der DFB zählt 7.000. Sie kommen zu Fuß, per Rad, mit der Droschke und im Automobil, dazu mit Eisenbahn und Albtalbahn, allein aus Pforzheim 700. Die Sonderwagen der Straßenbahn sind überfüllt. Soldaten schauen aus den Fenstern der Kaserne zu. Schiedsrichter ist Albert Sohn aus Frankfurt, Kapitän der Mittelläufer Josef Glaser aus Freiburg. Burger spielt als Außenläufer neben ihm.

Angepfiffen wird kurz nach halb vier, bei heftigem Wind. Zunächst ist das Spiel offen, dann drücken die Deutschen. Der Schweizer Torwart hält laut dem Bericht »verschiedene Bombenschüsse«. Dann trifft Eugen Kipp von den Sportfreunden Stuttgart zum 1:0, ausgerechnet Burgers alter Vereinskamerad. Wann genau, ist umstritten: Die Zeitung schrieb von der 38. oder 40. Minute, der DFB führt die 25.

Aufstellung: Die deutsche Elf beim ersten Länderspielsieg · Karlsruhe, 4. April 1909
Die deutsche Elf beim ersten Länderspielsieg · Karlsruhe, 4. April 1909

Nach der Pause verzetteln sich die Stürmer in Einzelaktionen und vergeben Chance um Chance. Doch die Abwehr hält. Die Schweiz kommt in der gesamten zweiten Hälfte zu keiner nennenswerten Chance mehr. Abends feiern die Mannschaften mit rund 60 Gästen im Hotel »Friedrichshof«. Deutschland hat sein erstes Länderspiel gewonnen, und ein Fürther war dabei.

»Den Siegern, dem Deutschen Fußballbund, ein kräftiges Hipp, Hipp, Hurrah!«
Badischer Beobachter, April 1909, zitiert nach Stadtarchiv Karlsruhe

Kapitän, Meister, Wandertrainer

Als 1911 der Engländer William Townley die Fürther übernimmt, macht er Burger laut der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« sofort zum Kapitän. Die Binde trägt er auch im großen Jahr 1914. Fürth wird Ostkreismeister, zum ersten Mal Süddeutscher Meister und steht in der Endrunde. Im Viertelfinale in Leipzig wird Burger nur auf dem Papier als Stürmer aufgestellt und hilft tatsächlich hinten aus. Im Endspiel am 31. Mai 1914 in Magdeburg verteidigt der Kapitän an der Seite von Georg Wellhöfer. Nach 153 Minuten steht es 3:2 gegen den VfB Leipzig, und Fürth ist Deutscher Meister. Burger ist inzwischen 30 Jahre alt.

Wenige Wochen später beginnt der Erste Weltkrieg. Mehrere Spieler der Meisterelf werden eingezogen, vier von ihnen kehren nicht zurück. Burger spielt in den Kriegsjahren weiter für Fürth. Im April 1918 gewinnt er mit dem Verein den Süddeutschen Pokal, 2:1 im Finale gegen die Stuttgarter Kickers, ausgerechnet in seiner Heimatstadt.

Im Juni 1919, nach elf Jahren, geht er zurück nach Stuttgart zu den Sportfreunden. Danach zieht er als Spielertrainer weiter, nach Augsburg, Breslau und Dresden. 1925 ist Schluss als Spieler. Als Trainer bleibt er rastlos: Germania Bochum, Westfalia Herne, SuS Mengede, Castrop, Dortmund 95, dann 1930/31 der Meidericher SV, mit dem er das Achtelfinale der Deutschen Meisterschaft erreicht. Es folgen die Stuttgarter Kickers, ab 1932 wieder die Sportfreunde, später Feuerbach und der Polizei-SV Stuttgart.

Beruflich war er Kaufmann, so steht es im Lexikon von 1939. Später lebte er laut Olympedia und Wikipedia im badischen Waibstadt und betrieb dort ein Hotel, eine Gaststätte und ein Kino. Wikipedia nennt ihn außerdem für den Sommer 1945 als kommissarischen Bürgermeister der Stadt, allerdings mit einer Quelle, die nicht mehr erreichbar ist.

Karl Burger stirbt am 3. Oktober 1959 in Freudenstadt, mit 75 Jahren. In der Rangliste der Fürther Nationalspieler steht er bis heute auf Platz fünf, als der Erste von allen.

Karl Burger auf einen Blick

Geboren: 26.12.1883 in Stuttgart
Gestorben: 3.10.1959 in Freudenstadt
Spitzname: »Karle« (nur laut Olympedia)
Vereine: FC Karlsvorstadt, Sportfreunde Stuttgart (bis 1904), Augsburg (1904–1907), SpVgg Fürth (1908–1919), Sportfreunde Stuttgart (1919–1921), TV 1847 Schwaben Augsburg (1921–1923), SC Breslau 08 (1923/24), Dresdner SC (1924/25)
Position: Außenläufer, auch Verteidiger und Halbstürmer; anfangs Torwart
Titel: Deutscher Meister 1914 (als Kapitän), Süddeutscher Meister 1914, Süddeutscher Pokal 1918; Kronprinzenpokal 1910 und 1912 mit Süddeutschland
Bilanz: laut Kleeblatt-Chronik 109 Ligaspiele und 58 Tore für Fürth; 11 Länderspiele, 1 Tor (1909–1912), erster Fürther Nationalspieler
Beruf: Kaufmann, später Hotelier und Kinobetreiber in Waibstadt
Trainer: u. a. Germania Bochum, Westfalia Herne, SV Castrop 02, SC Dortmund 95, Meidericher SV (1930/31), Stuttgarter Kickers (1931/32), Sportfreunde Stuttgart (ab 1932)

Quellen

Kleeblatt-Chronik: Karl Burger · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero International Nr. 36 · Libero D3/1992 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1959 · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster deutscher Länderspiel-Sieg · DFB-Datencenter: Deutschland – Schweiz 1909 · RSSSF: Karl Burger – International Appearances · Wikipedia: Karl Burger · Olympedia: Karl Burger