Leo Fiederer – der Allrounder und der erste Sieg

Leo Fiederer trug das Kleeblatt kaum länger als ein Jahr. In dieser kurzen Zeit schoss er Tore am Fließband, stand im Endspiel um die deutsche Meisterschaft und lief für Deutschland auf. Dann packte er die Koffer und ging ins Ruhrgebiet, wo er noch zehn Jahre lang spielte, mal im Sturm, mal im Mittelfeld, mal in der Abwehr. Ein einziges Länderspiel steht in seiner Bilanz. Es war allerdings eines, das der deutsche Fußball nach dem Ersten Weltkrieg dringend brauchte: der erste Sieg.

Zeitstrahl: Leo Fiederers Laufbahn · 1907–1946
Leo Fiederers Laufbahn · 1907–1946
»Mit dem 23jährigen Rechtsaußen Leo Fiederer, der ein Allroundstürmer war und dem 24jährigen Hans Sutor als Linksaußen waren die Franken auf den Flügelpositionen gut besetzt.«
Libero International, über das Halbfinale 1920

Vom FC Schneidig an den Ronhof

Leopold Fiederer, genannt Leo, kommt am 4. April 1897 zur Welt. Als Heimatort nennen das Nationalspieler-Lexikon von 1939 und die Kleeblatt-Chronik Fürth; die deutschsprachige Wikipedia gibt als Geburtsort Neumühle bei Büchenbach an. Fest steht, wo er Fußball lernt: Mit zehn Jahren, 1907, beginnt er beim FC Schneidig Fürth. Aus demselben Verein kam auch »Prinz« Hans Hagen, später Kapitän der Spielvereinigung.

Beim FC Schneidig bleibt Fiederer bis 1919. Laut Wikipedia und weltfussball.de folgt im Sommer 1919 ein kurzes Gastspiel beim TV 1860 Fürth, gerade einmal einen Monat lang. Im August 1919 landet er dann bei der SpVgg Fürth, dem großen Namen der Stadt.

Dort schlägt er sofort ein. In der Saison 1919/20 bestreitet er 14 Spiele in der Kreisliga Nordbayern und trifft elfmal. Die Spielvereinigung zieht in die Endrunde um die deutsche Meisterschaft ein. Am 16. Mai 1920 schlägt das Kleeblatt in Mannheim den VfTuR Mönchengladbach mit 7:0, vor 7.000 Zuschauern. Das erste Tor fällt in der sechsten Minute. Schütze: Leo Fiederer.

Zwei Wochen später, am 30. Mai, gewinnt Fürth in Leipzig 4:0 gegen die Vereinigten Breslauer Sportfreunde. Fiederer spielt Rechtsaußen, innen wirbeln »Resi« Franz, »Loni« Seiderer und der Österreicher Viktor Hierländer. Am 13. Juni 1920 kommt in Frankfurt das Endspiel gegen den 1. FC Nürnberg. 35.000 Menschen sehen einen Rekord und eine Enttäuschung: Der Club gewinnt 2:0. Fiederer ist mit 23 Jahren Vizemeister.

Im selben Jahr kommt in Fürth sein Neffe Hans Fiederer zur Welt, am 21. Januar 1920. Die Statistiker von Libero haben später gewürdigt, dass der Neffe ein noch besserer Fußballer und ein berühmterer Nationalspieler wurde. Hans bestritt sechs Länderspiele, Leo eines.

Der Allrounder

Einen Spitznamen überliefern die Quellen nicht, dafür ein Etikett, das sich durch alle Texte zieht: vielseitig. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 führt als Stammposten gleich drei Positionen auf, »Rechtsaußen, Mittelläufer, Verteidiger«, und setzt in Klammern dahinter: »Allroundspieler«. Libero und die Kleeblatt-Chronik halten fest, dass er im Angriff auf allen Positionen spielen konnte, am liebsten rechts außen. Mit den Jahren rückte er nach hinten, erst ins Mittelfeld, dann in die Verteidigung.

Auf Wikipedia heißt es sogar, er gelte als einer der ersten großen Allroundspieler Deutschlands. Belegt wird das dort nicht. Wer nachzählt, findet aber einen Stürmer, der in seiner Fürther Premierensaison elf Tore in 14 Ligaspielen erzielte. Und einen Mann, der 1921 für Duisburg in der Endrunde vom Elfmeterpunkt traf.

In der Nationalelf kam er genau einmal zum Zug, als Rechtsaußen. Das Spiel fiel in seine letzten Fürther Wochen.

Der große Tag: Der erste Sieg (Oktober 1920)

Der deutsche Fußball hat im Herbst 1920 wenig zu lachen. Zu den Olympischen Spielen in Antwerpen sind deutsche Sportler nicht eingeladen. Als Gegner bleiben der Nationalelf nur die Schweiz, Finnland und die früheren Verbündeten Österreich und Ungarn. Die ersten beiden Länderspiele nach dem Krieg gehen verloren: 1:4 im Juni in Zürich gegen die Schweiz, 2:3 im September in Wien gegen Österreich.

Am 24. Oktober 1920 kommt Ungarn nach Berlin, ins Grunewaldstadion. Das Stadion war 1913 für die Olympischen Spiele 1916 gebaut worden, die dann im Krieg ausfielen. Rund 35.000 Zuschauer kommen, ein Libero-Heft spricht von einer »imponierenden Kulisse«. In der deutschen Elf stehen gleich fünf Debütanten, darunter zwei aus Fürth. Im Tor steht Theodor »Teddy« Lohrmann, auf dem rechten Flügel Leo Fiederer. Neben ihm stürmen Otto »Tull« Harder vom Hamburger SV, Kapitän Adolf Jäger von Altona 93, der Nürnberger »Poldl« Popp und Paul Forell vom 1. FC Pforzheim.

Es fällt nur ein Tor. Nach 22 Minuten gibt es Elfmeter für Deutschland, Jäger verwandelt zum 1:0. Danach gehört das Spiel dem Fürther Torhüter. Der DFB schreibt noch heute, der Sieg habe »im Zeichen der grandiosen Torwartleistung von Teddy Lohrmann« gestanden. Lohrmann soll mit seinem grau-grünen Pullover sogar bei den Zuschauerinnen Eindruck gemacht haben. Über Fiederers Leistung schweigen die Quellen, die uns vorliegen. Den Schiedsrichter nennen die Kicker-Almanache von 1959 und 1960 J. Hirrle aus der Schweiz, der Almanach von 1996 einen Referee aus Jugoslawien.

Aufstellung: Deutschland gegen Ungarn 1:0 · 24. Oktober 1920 · zwei Fürther in der Startelf
Deutschland gegen Ungarn 1:0 · 24. Oktober 1920 · zwei Fürther in der Startelf

Der Sieg hat es in sich. Es ist der erste deutsche Länderspielsieg nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist der erste Sieg überhaupt gegen Ungarn, das seit 1909 in keinem Duell zu schlagen gewesen war. Und es ist der erste Sieg der Nationalelf in Berlin: Die drei Heimspiele zuvor dort, alle gegen England, hatten keinen einzigen gebracht.

Für Fiederer bleibt es beim einen Auftritt. Das teilt er mit Paul Forell, der ebenfalls nur dieses eine Länderspiel bestritt. Wenige Wochen später ist Fiederer nicht mehr in Fürth.

»Die ›Magyaren‹ wurden im Berliner Grunewaldstadion vor imponierender Kulisse durch ein Elfmetertor von Adolf Jäger 1:0 besiegt.«
Libero, Heft 6/7, 1993

Im Westen

Im November 1920 wechselt Fiederer zum Duisburger Spielverein. Warum er Franken verlässt, verrät keine der geöffneten Quellen. In Fürth hat er in der neuen Saison noch acht Ligaspiele gemacht und zwei Tore geschossen.

In Duisburg geht es gleich weiter nach oben. Der DSV wird 1921 Kreismeister, Meister des Gaus Berg-Mark und Westdeutscher Meister. In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft trifft Fiederer am 22. Mai 1921 vor 18.000 Zuschauern auf den Hamburger SV, in dessen Sturm ausgerechnet sein Länderspielkollege Harder steht. Fiederer verwandelt in der 28. Minute einen Elfmeter zum 1:0, Duisburg gewinnt nach Verlängerung 2:1. Im Halbfinale eine Woche später in Berlin ist gegen Vorwärts 90 Schluss, 1:2 nach Verlängerung. Wer dort den Duisburger Elfmeter zum 1:1 schoss, ist unklar: Ein Libero-Heft von 1993 nennt Fiederer, ein späteres Heft Walter Fischer.

Von 1922 bis 1926 spielt er für den RSV Mülheim, von 1926 bis 1930 für die SpVgg Oberhausen-Styrum, aus der später Rot-Weiß Oberhausen hervorging. In der Saison 1931/32 trainiert er die Oberhausener. Auch der jüngere Bruder Xaver kickt im Westen: Als »Fiederer II« spielt er beim Duisburger SV Rechtsaußen, wie einst Leo. Im Mai 1924 trifft er im Halbfinale gegen den 1. FC Nürnberg, ausgerechnet am Fürther Ronhof.

Das Lexikon von 1939 nennt als Fiederers Beruf »Behörden-Angestellter«. Laut Wikipedia, die sich auf die Mitgliederkartei im Bundesarchiv stützt, beantragte er im Juni 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen.

Leo Fiederer stirbt im Oktober 1946, nach Wikipedia und FürthWiki am 11. Oktober. Wo, ist nicht überliefert. Libero nennt als Todesjahr 1949. Er wurde 49 Jahre alt, wenn die Mehrheit der Quellen recht hat.

Leo Fiederer auf einen Blick

Geboren: 4.4.1897 in Fürth (laut Wikipedia in Neumühle bei Büchenbach)
Gestorben: Oktober 1946 (laut Wikipedia am 11.10.1946; Libero: 1949)
Vereine: FC Schneidig Fürth (1907–1919), TV 1860 Fürth (1919), SpVgg Fürth (1919–1920), Duisburger SV (1920–1922), RSV Mülheim (1922–1926), SpVgg Oberhausen-Styrum (1926–1930)
Position: Rechtsaußen, später Mittelfeld und Verteidigung
Titel: Deutscher Vizemeister 1920, Westdeutscher Meister 1921
Bilanz: für Fürth 22 Ligaspiele und 13 Tore, dazu 3 Endrundenspiele (1 Tor); 1 Länderspiel (1920)
Beruf: Behörden-Angestellter
Trainer: SpVgg Oberhausen-Styrum (1931/32)
Familie: Onkel des Fürther Nationalspielers Hans Fiederer

Quellen

Kleeblatt-Chronik: Leo Fiederer · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 · Libero D 6/7 1993 · Libero 38 · Kicker-Almanach 1959 · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · DFB: Alle Duelle gegen Ungarn · Wikipedia: Leo Fiederer · FürthWiki: Leo Fiederer · weltfussball.de