Leonhard Seiderer – der Mittelstürmer, der auch ins Tor ging
Sein erstes Endspiel für die Spielvereinigung bestritt Leonhard Seiderer nicht im Sturm, sondern im Tor. Dabei war er Mittelstürmer, einer der feinsten, die Deutschland in den frühen Zwanzigern hatte: schmal, technisch brillant, mit einem Gespür für den kurzen Pass. Elf Jahre trug »Lony« das Kleeblatt, dazu acht Mal den Adler, vier Mal davon als Kapitän. Und an einem verregneten Junitag 1926 führte er Fürth in Frankfurt zur zweiten deutschen Meisterschaft, mit einem Tor und einem Bein, das irgendwann nicht mehr wollte.
»Wenn Not am Mann war, dann konnte man Seiderer auch in der Rolle des Mittelläufers sehen, und außerdem war er […] ein vorzüglicher Torwart.«
Vom Stadtgraben zum Ronhof

Leonhard Seiderer kommt am 1. November 1895 in Nürnberg zur Welt. Fußballspielen lernt er dort, wo damals viele Nürnberger Buben es lernen: in der sogenannten Stadtgrabenliga, nach der Schule, jeden Tag. Laut Wikipedia, die sich auf Jürgen Bitters Nationalspieler-Lexikon stützt, lernt er dabei, den Ball mit beiden Füßen zu beherrschen. Beim 1. FC Nürnberg spielt er laut Kleeblatt-Chronik ab 1908, Wikipedia nennt sogar ein Eintrittsalter von neun Jahren. Sein Spielkamerad in der Jugend ist Willy Böß, der später Mittelstürmer beim Club wird.
Dann kommt der Krieg. Seiderer kehrt 1916 verwundet zurück, mit 20 Jahren. Beim Club gerät er mit einem Funktionär aneinander, den das Lexikon von 1939 als »allzu kriegerisch gesinnten Clubhäuptling« beschreibt. Der Anlass sei »belanglos« gewesen. Der junge Stürmer zieht die Konsequenz. Im Mai 1917 wechselt er zur SpVgg Fürth, und das Lexikon lobt ausdrücklich die »gescheiteren Fürther«, die ihn mit offenen Armen aufnahmen. Eine Stadt weiter, eine Welt weiter.
In seiner ersten Fürther Saison 1917/18 trifft Seiderer laut Kleeblatt-Chronik 20 Mal in 19 Ligaspielen. Am 21. April 1918 steht die Spielvereinigung im ersten Endspiel um den Süddeutschen Pokal, auf dem Union-Platz in Stuttgart gegen die Kickers. Fürth gewinnt 2:1. Und im Fürther Tor steht, laut Aufstellung der Chronik, ein gewisser Seiderer.
Lony, die kleine Gazelle
Genannt wurde er »Lony« oder »Loni«, beide Schreibweisen sind überliefert. Laut Wikipedia und FürthWiki soll er wegen seiner eleganten Spielweise auch »kleine Gazelle« geheißen haben. Einen zeitgenössischen Beleg für diesen zweiten Spitznamen haben wir allerdings nicht gefunden.
Sicher ist, wie er spielte. Seiderer war kein Brecher, sondern ein Lenker. Er setzte seine Nebenleute mit kurzen Pässen in Szene und schoss trotzdem viele Tore selbst. Sein kongenialer Partner war der Halbrechte Andreas »Resi« Franz. Das Duo prägte die sogenannte »Fürther Schule«, jenen technisch feinen Flachpassfußball, für den der Ronhof in den Zwanzigern berühmt war.
1920 kommt der erste große Auftritt auf nationaler Bühne. In der Endrunde trifft Seiderer beim 7:0 gegen Mönchengladbach zweimal und beim 4:0 gegen die Breslauer Sportfreunde noch einmal doppelt. Mit vier Treffern teilt er sich die Torjägerkrone mit seinem Sturmpartner Viktor Hierländer und dem Nürnberger Heinrich Träg. Das Endspiel am 13. Juni 1920 in Frankfurt verliert Fürth allerdings 0:2, ausgerechnet gegen den Club.
Zwei Wochen später, am 27. Juni 1920, debütiert Seiderer in Zürich in der Nationalelf. Deutschland verliert 1:4 gegen die Schweiz. Sein erstes Länderspieltor gelingt ihm im September in Wien, zum 2:3-Endstand gegen Österreich. Bis 1924 kommen acht Einsätze zusammen, in vier davon führt er die Mannschaft laut Kicker-Almanach als Spielführer an. Mehr wurden es wohl nicht, weil er als verletzungsanfällig galt und mit Otto Harder und Adolf Jäger zwei robustere Mittelstürmer um den Platz konkurrierten.
Das kurioseste Länderspiel bestreitet er am 26. März 1922 in Frankfurt gegen die Schweiz. Sieben Fürther stehen in der deutschen Elf, Seiderer ist Kapitän. Deutschland führt zur Pause 2:0. In der zweiten Halbzeit verletzt sich Torwart Theodor Lohrmann, ebenfalls ein Fürther. Auswechslungen gibt es noch nicht, also geht der Mittelstürmer ins Tor. Die Schweizer gleichen noch zum 2:2 aus, doch das Lexikon von 1939 bescheinigt dem Aushilfskeeper, er habe »so gut wie irgend ein anderer Torwart seinen Mann« gestanden.
Seine letzten beiden Länderspiele bestreitet Seiderer 1924, ein 4:3 gegen Österreich in Nürnberg und ein 1:0 in Amsterdam gegen Holland. In beiden Partien kommt die komplette deutsche Elf aus Nürnberg und Fürth. In Amsterdam trägt er am 21. April 1924 zum letzten Mal die Kapitänsbinde der Nationalelf.
Der große Tag: Zauberei im Regen (Juni 1926)
Sommer 1926. Die Spielvereinigung rauscht durch die Endrunde um die deutsche Meisterschaft: 5:0 gegen Viktoria Forst, 4:0 gegen den Breslauer SC 08, 3:1 gegen Holstein Kiel. Gegen Breslau trifft Seiderer zweimal. Doch vor dem Endspiel ist sein Einsatz laut FürthWiki wegen einer Verletzung lange fraglich.
Er spielt. Am Sonntag, dem 13. Juni 1926, laufen Hertha BSC und die SpVgg Fürth in Frankfurt am Main auf. Die Chronik nennt 40.000 Zuschauer, andere zeitgenössische Schätzungen liegen bei 45.000 oder gar 55.000. Es regnet. Schiedsrichter ist Fritz Spranger aus Glauchau, und als er die Spielführer zur Platzwahl bittet, steht für Fürth Leonhard Seiderer vor ihm.
Der Start ist ein Schock. Nach neun Minuten führt Hertha 1:0, und die Fürther wirken nervös. Ein Rückblick in der Kleeblatt-Chronik hält fest, dass Seiderer früh ganz frei vor dem Tor steht und den Ball verstört zur Seite schiebt, statt zu schießen. Dann, nach gut zwanzig Minuten, findet die Elf ihren Rhythmus. Franz scheitert an der Latte. In der 27. Minute legt er per Kopf auf Seiderer ab, und der trifft zum 1:1.
Danach spielt nur noch Fürth. Einen harten Schuss Seiderers kann Herthas Torwart Götze nicht festhalten, Karl Auer staubt zum 2:1 ab. Kurz vor der Pause unterläuft Domscheid ein Eigentor, 3:1. In der 68. Minute erhöht Willi Ascherl auf 4:1. Wikipedia schreibt, der inzwischen humpelnde Seiderer habe dieses Tor von links vorbereitet. Laut dem Rückblick in der Chronik wechselte er erst nach dem 4:1 verletzt auf Linksaußen. Einig sind sich die Quellen darin, dass der Kapitän die letzte halbe Stunde kaum noch laufen konnte.
Es ist der zweite Meistertitel der Spielvereinigung, zwölf Jahre nach dem ersten. Die zeitgenössische Presse feierte das Finale als eines der schönsten seit Beginn der Meisterschaft. Der Rundfunk übertrug es über 13 Sender, und der Chronik-Rückblick erinnert an ein »traumhaftes Einverständnis« zwischen Franz und Seiderer. Der Autor verglich es mit dem Zusammenspiel der Ungarn Puskás und Kocsis.
»Seiderer leitete mit sicherem Blick seine Angriffskette.«
Abschied, Trainerjahre und ein früher Tod
1927 gewinnt Seiderer mit Fürth noch einmal den Süddeutschen Pokal. Es ist sein fünfter, er stand laut Chronik bei allen fünf Pokalsiegen der Spielvereinigung zwischen 1918 und 1927 auf dem Platz. Im Mai 1928 meldet der Völkische Beobachter, der »langjährige Spielführer Seiderer« werde wohl eine Trainerstelle annehmen. So kommt es. Sein letztes Pflichtspiel bestreitet er laut Wikipedia am 12. Februar 1928, 32 Jahre alt. Den Schlusspunkt setzt er 1928 bei einem Städtespiel Nürnberg gegen Fürth zur Einweihung des Nürnberger Stadions. Fürth gewinnt 1:0, das Tor schießt der Altstar selbst.
Dann wird Seiderer Trainer, zunächst bei kleineren Vereinen: Germania Nürnberg, ASV Nürnberg, Wacker München, der 1. FC Schweinfurt 05. 1932 erzählt er in der Zeitschrift Allgemeine Sport Schau in 24 Folgen seine Laufbahn nach. Diese Serie ist 2025 als Buch erschienen. Im April 1934 kehrt er an den Ronhof zurück und führt die Spielvereinigung 1935 zur Meisterschaft der Gauliga Bayern. Von April 1936 bis März 1939 trainiert er den VfB Stuttgart. Der VfB wird unter ihm 1937 und 1938 württembergischer Gaumeister und 1937 Dritter der deutschen Meisterschaft.
Wohl schon in diesen Jahren ist er krank. Laut Wikipedia und FürthWiki erkrankt Seiderer Mitte der Dreißigerjahre an Tuberkulose. In Fürth soll er noch einen Tabakwarenladen eröffnet haben. Leonhard Seiderer stirbt am 3. Juli 1940, im Alter von 44 Jahren. Beerdigt wird er in seiner Geburtsstadt Nürnberg.
Leonhard Seiderer auf einen Blick
Geboren: 1.11.1895 in Nürnberg
Gestorben: 3.7.1940, beerdigt in Nürnberg
Spitzname: »Lony« (auch »Loni«); laut späterer Überlieferung »kleine Gazelle«
Vereine: 1. FC Nürnberg (bis April 1917), SpVgg Fürth (Mai 1917–1928)
Position: Mittelstürmer, notfalls Mittelläufer oder Torwart
Titel: Deutscher Meister 1926 (als Kapitän), Vizemeister 1920, Süddeutscher Pokalsieger 1918, 1923, 1925, 1926, 1927; Torschützenkönig der Endrunde 1920 (geteilt)
Bilanz: 196 Ligaspiele, 130 Tore für Fürth (Kleeblatt-Chronik); 8 Länderspiele (1920–1924), davon 4 als Kapitän, 4 oder 5 Tore
Beruf: Sportlehrer
Trainer: Germania Nürnberg, ASV Nürnberg, Wacker München, 1. FC Schweinfurt 05, SpVgg Fürth (1934–1936), VfB Stuttgart (1936–1939)
Quellen
Kleeblatt-Chronik: Leonhard Seiderer · Kleeblatt-Chronik: Endspiel 1926 · Kleeblatt-Chronik: Pokalendspiel 1918 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero International · Kicker-Almanach 1959 · Völkischer Beobachter, 26.5.1928 · Wikipedia: Leonhard Seiderer · FürthWiki: Leonhard Seiderer · FürthWiki: Lony Seiderer erzählt … · RSSSF: Seiderers Länderspieltore · Eintracht-Museum: Länderspiel 26. März 1922