Ludwig Leinberger – der Haberer, den der Club nicht wollte
Der 1. FC Nürnberg wollte ihn nicht. Der Club hatte schon einen Mittelläufer, und der hieß Hans Kalb. Also ging Ludwig Leinberger 1925 nach Fürth, ausgerechnet. Dort wurde der »Haberer« zweimal Deutscher Meister, bestritt 24 Länderspiele und führte die Nationalelf elfmal als Kapitän aufs Feld. Sein denkwürdigster Nachmittag aber war einer, an dem er neben Kalb stand und am Ende fast allein übrig blieb: das Olympiaspiel gegen Uruguay 1928.
»Die große Zeit der Nürnberg-Fürther … wäre fast nicht denkbar gewesen ohne einen Hans Kalb oder einen Ludwig Leinberger, die beide Kämpfernaturen waren und ihre Mannschaften mitzureißen verstanden.«
Ein Nürnberger, der nach Fürth musste

Ludwig Leinberger kommt am 21. Mai 1903 in Nürnberg zur Welt. Mit neun Jahren beginnt er beim TV 1846 Nürnberg, mit 17 wechselt er zum FC Bayern 07 Nürnberg. Sein Sohn Heinz erzählte später der Kleeblatt-Chronik, sein Bruder habe ihn zum Fußball gebracht, vor allem aber der Sport selbst.
1924 folgt ein kurzer Abstecher ins Rheinland zum BV Solingen 98. Im Februar 1925 steht er dann in Fürth auf der Matte. Freiwillig war das laut dem Familiengespräch nicht ganz: Beim großen Club hatte man ihm bedeutet, dass man mit Kalb bestens versorgt sei. Leinberger kam also mit Wut im Bauch zum Ronhof.
Die Wut ließ sich verwerten. Schon im Sommer 1926 steht er in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft als Mittelläufer in der Mitte der Läuferreihe, flankiert von »Urbel« Krauß und Konrad Kleinlein, dahinter »Prinz« Hagen. Am 13. Juni 1926 schlägt Fürth im Frankfurter Stadion vor 40.000 Zuschauern Hertha BSC mit 4:1. Leinberger ist Deutscher Meister, gut ein Jahr nach seiner Ankunft. Eine Quelle bestreitet zwar, dass er im Endspiel mitwirkte, die Aufstellung im Libero-Heft führt ihn aber auf.
Drei Jahre später wiederholt sich das, wieder gegen Hertha. Beim 3:2 am 28. Juli 1929 in Nürnberg ist Leinberger erneut der Mann in der Mitte. Dazu kommen die süddeutsche Meisterschaft 1931 und 15 Endrundenspiele um die deutsche Meisterschaft. In der Bezirksliga zählt die Chronik 205 Spiele und 41 Tore für ihn, für einen Mittelläufer ordentlich.
Der Haberer und der Rivale vom Club
Woher der Spitzname »Haberer« kommt, verrät keine Quelle. Fest steht, dass ihn Freund und Gegner so nannten, bis in den Nachruf von 1943.
Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 zeichnet ihn als Gegenstück zu Kalb. Leinberger habe nicht die kraftstrotzende Figur des Nürnbergers besessen, seine Freistöße seien nicht so wuchtig gewesen. Dafür sei er ein »Fürther Odysseus« gewesen, »mit allen Wassern gewaschen, mit allen Salben gesalbt«. Die Duelle der beiden im Frankenderby nennt das Buch »ein Anblick für Götter«. Und es verteilt eine kleine Spitze: Der Fürther sei »weit mehr als dieser darauf bedacht, seine Form zu erhalten und zu verbessern«.
Eine spätere Nationalmannschaftsgeschichte beschreibt ihn als »Modellathleten«, dem der Ruf eines »Tanks« vorauseilte. Er setzte den ganzen Körper ein, um an den Ball zu kommen und ihn zu behalten.
Am 2. Oktober 1927 debütiert er in Kopenhagen, beim 1:3 gegen Dänemark. Neben Kalb findet er in der Nationalelf zunächst nur auf der Außenposition der Läuferreihe Platz. Nach 1928 ist die Mitte dann seine. Im Mai 1930 ist er beim 5:0 in Zürich gegen die Schweiz erstmals Kapitän, ab Sommer 1931 trägt er die Binde fast immer.
Die Zeitungen lobten ihn gern. Beim 3:0 gegen Schweden in Köln im Juni 1929 überragte er laut einem Bericht »durch seine glänzende Ballverteilung«. Beim 4:2 gegen Dänemark im September 1931 in Hannover gewann er als Kapitän die Seitenwahl, und ein Berichterstatter notierte: »Eine famose Leistung zeigte vor allem Leinberger, der überall war.« Als der englische Meister Everton 1932 durch Deutschland tourte, war er in Breslau nach einem Bericht »der beste Mann auf dem Felde«, von dem »die Engländer noch etwas lernen konnten«. Er selbst analysierte hinterher die englische Deckungsarbeit so genau wie ein Trainer. Das war er bald auch.
Nicht jeder Tag war golden. Im September 1931 ging er in Wien als Kapitän mit 0:5 gegen Österreichs Wunderteam unter. Sein letztes Länderspiel bestritt er am Neujahrstag 1933 in Bologna, ein 1:3 gegen Italien.
Der große Tag: Neun gegen Uruguay (Juni 1928)
Amsterdam, Olympisches Fußballturnier. Deutschland hat im Achtelfinale die Schweiz mit 4:0 geschlagen, Leinberger spielt neben Kalb in der Läuferreihe. Nun wartet am 3. Juni 1928 im Olympiastadion der Titelverteidiger Uruguay. Anstoß ist um 16 Uhr, die Angaben zur Kulisse schwanken zwischen gut 25.000 und 45.000 Zuschauern. Schiedsrichter ist der Ägypter Youssef Mohammed.
Die erste halbe Stunde gehört den Deutschen. Dann kippt das Spiel, und zwar gründlich. Ein zeitgenössischer Bericht schildert, wie die Uruguayer nach einer vergebenen Ecke »recht hart zu spielen« beginnen, »und Leinberger wird leicht verletzt«. In der 35. Minute trifft Petrone zum 0:1. Kurz darauf prallt Kalb mit einem Gegenspieler zusammen und muss vom Platz, der erste Platzverweis der deutschen Länderspielgeschichte. Petrone erhöht auf 0:2. Dann bleibt auch noch Georg Knöpfle mit einer Knieverletzung liegen. Deutschland verteidigt die letzten Minuten vor der Pause mit neun Mann.
Nach dem Wechsel rückt Leinberger in die Mitte, auf den Posten des gesperrten Rivalen. Die Deutschen greifen an, lassen aber Chancen liegen. Castro trifft in der 63. Minute zum 0:3. Richard Hofmann verkürzt per Elfmeter, Petrone stellt auf 1:4. Kurz vor Schluss fliegen noch Hofmann und Uruguays Kapitän Nasazzi. Das Spiel endet unter Pfiffen und in einer Stimmung, die laut dem Bericht beinahe in Tätlichkeiten umschlug.
Reichstrainer Otto Nerz sah die Schuld beim Schiedsrichter, der die »zahlreichen Fouls der Uruguayer ungeahndet« gelassen habe. Für Kalb war es das Ende in der Nationalelf, er wurde gesperrt. Für Leinberger begann danach die Zeit in der Mitte. Eine Nationalmannschaftsgeschichte nennt die Olympiateilnahme den Höhepunkt seiner internationalen Laufbahn.
»Beide schlugen eine besonders harte Klinge, das zeigte sich, wenn sie zusammen in einer Ländermannschaft standen und die Uruguayer in Amsterdam konnten ein Lied darüber singen.«
Sportlehrer, Parteimitglied, Soldat
Schon 1932 trainiert Leinberger nebenbei die SpVgg Ansbach und Jahn Regensburg. Im April 1933 endet seine Fürther Zeit, im Mai geht er als Spielertrainer zum CfR Köln. Wie lange er dort spielte, ist strittig: Die Chronik nennt Oktober 1933, Wikipedia führt ihn bis 1936 in der Gauliga.
Im Oktober 1933 assistiert er beim Olympiakurs von Otto Nerz, zusammen mit Knöpfle und Sepp Herberger, und begleitet eine Nachwuchself als Sportleiter nach Rom. Danach arbeitet er als Gausportlehrer. 1934 führt er die bayerische Auswahl bei den Kampfspielen ins Finale, 1936 gewinnt er mit Sachsen den Reichsbundpokal durch ein 9:0 gegen Südwest. Im Herbst 1934 meldete die Presse sogar, Polen wolle ihn als Nationaltrainer holen. Ob daraus etwas wurde, ist nicht belegt.
Zum 1. März 1937 trat Leinberger der NSDAP bei. Das belegt seine Karteikarte im Bundesarchiv.
1938 übernimmt er den FC Schweinfurt 05 und macht ihn gleich in der ersten Saison zum bayerischen Gaumeister. Im März 1941 wird er zum Kriegsdienst eingezogen. Die Chronik nennt danach noch eine Station beim Luftwaffen-SV Rudolstadt.
Ludwig Leinberger stirbt im März 1943 im Reserve-Lazarett in Bad Pyrmont, 39 Jahre alt. Die Angaben zu Tag und Ursache gehen auseinander. Die Chronik nennt den 3. März und die Folgen von Kriegsverletzungen. Wikipedia nennt den 9. März und einen Blinddarmdurchbruch. Der Nachruf vom 14. März 1943 spricht von einer Krankheit, die er sich an der Ostfront zugezogen habe.
Ludwig Leinberger auf einen Blick
Geboren: 21.5.1903 in Nürnberg
Gestorben: März 1943 in Bad Pyrmont (3.3. oder 9.3., Quellen uneins)
Spitzname: »Haberer«
Vereine: TV 1846 Nürnberg (1912–1920), FC Bayern 07 Nürnberg (1920–1924), BV Solingen 98 (1924), SpVgg Fürth (1925–1933), CfR Köln (ab 1933)
Position: Mittelläufer
Titel: Deutscher Meister 1926 und 1929, Süddeutscher Meister 1931
Bilanz: 205 Ligaspiele und 41 Tore für Fürth (laut Chronik), 15 Endrundenspiele; 24 Länderspiele (1927–1933), davon 11 als Kapitän, Olympia 1928
Beruf: Sportlehrer
Trainer: Gauauswahlen Bayern und Sachsen (Reichsbundpokal 1936), FC Schweinfurt 05 (1938–1941, Gaumeister 1939)
Quellen
Kleeblatt-Chronik · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Libero D 38 · Libero International · Libero D 17 · Deutsche Rundschau in Polen, 6.6.1928 · Ostdeutsche Morgenpost, 28.9.1931 · Ostdeutsche Morgenpost, 17.5.1932 · Ostdeutsche Morgenpost, 7.10.1933 · Ostdeutsche Morgenpost, 30.10.1934 · Litzmannstädter Zeitung, 14.3.1943 · Wikipedia · Olympedia · fussball.de