Theodor Lohrmann – der Riese, der Stuhlfauth herausforderte
Nürnberg hatte Heiner Stuhlfauth, den Torwartriesen. Fürth hatte ein Problem. Also holten die Kleeblättler 1920 einen eigenen Riesen aus Mannheim: Theodor Lohrmann, genannt »Teddy«, Fangkünstler, Wasserballer, Rugbyspieler und Tennisspieler in einer Person. Drei Länderspiele bestritt er als Fürther, und was dabei auffällt, ist eine Null: Solange Lohrmann im deutschen Tor stand, fiel laut den Spielberichten kein einziges Gegentor. Die Tore fielen erst, als man ihn im März 1922 in Frankfurt verletzt vom Platz getragen hatte und ein Mittelstürmer seine Handschuhe übernahm.
»Seine Fangsicherheit, sein weiter Schlag, sein mutiges Spiel stellten ihn lange Zeit hindurch mit Stuhlfauth auf dieselbe Klasse.«
Vom Waldhof an den Ronhof

Theodor Robert Lohrmann kommt am 7. September 1898 in Heidelberg zur Welt. Groß wird er aber ein paar Kilometer weiter im Mannheimer Vorort Waldhof, einer Gegend, die laut dem Nationalspieler-Lexikon von 1939 »Jahr für Jahr neue Spielertalente wachsen« ließ. Beim SV Waldhof spielt er ab 1908. In der Saison 1919/20 hütet er das Tor einer Elf, in der auch ein junger Sepp Herberger stürmt. Waldhof wird Meister im Kreis Odenwald und in der süddeutschen Endrunde Zweiter, hinter dem 1. FC Nürnberg.
Dort steht Stuhlfauth. Und genau der ist der Grund, warum Lohrmanns Leben im Sommer 1920 eine fränkische Wendung nimmt. Die Fürther Verantwortlichen um Präsident Wolfsgruber und Hans Höfer wollen dem Rivalen vom Zabo im Tor etwas entgegensetzen. Sie holen Lohrmann an den Ronhof. Am 19. August 1920 steht er zum ersten Mal für die Spielvereinigung zwischen den Pfosten, in einem Freundschaftsspiel gegen Guts Muts Dresden.
In drei Spielzeiten in der Kreisliga Nordbayern kommt er laut Kleeblatt-Chronik auf 52 Ligaspiele. Die Fürther nennen ihn »Teddy« oder, fränkischer, »Tätsch«. Und sie lernen schnell, dass ihr Neuer nicht nur im Fußballtor steht. Auch bei den Handballern und Wasserballern des Vereins hält er die Bälle. Nebenbei betreibt er Talentsuche: Als der Augsburger Läufer Hans Lang in einem Auswahlspiel gegen Österreich auffällt, ist es Lohrmann, der ihn laut dem Lexikon von 1939 zum Wechsel nach Fürth bewegt.
Teddy gegen Heiner
Zwischen Nürnberg und Fürth liegen nur ein paar Kilometer, und Anfang der Zwanziger stehen dort die beiden besten deutschen Torhüter. Es entsteht ein Fernduell um das Nationaltor, das die Zeitgenossen genau verfolgen. Das Lexikon von 1939 sieht Stuhlfauth nur in zwei Punkten vorn: Er sei »schneller am Boden« gewesen und im Getümmel mit den Stürmern »vielleicht auch etwas wuchtiger«. Richard Kirn und Alex Natan fanden, Lohrmann habe breiter gewirkt, sei aber »ein Riese auf tönernen Füßen« gewesen.
Wer so gebaut ist, gilt schnell als schwerfällig. Lohrmann war das Gegenteil. Ein Fußballbuch von 1973 berichtet, er habe die 100 Meter in elf Sekunden geschafft. Seine Stärken waren die weiten Abschläge, das energische Herauslaufen und eine Fangsicherheit, die ihm den Ruf eines Fangkünstlers einbrachte.
Den Zweikampf um die Nummer eins gewinnt am Ende trotzdem meist Stuhlfauth. Lohrmann bekommt drei Länderspiele. Das erste ist gleich ein Stück Geschichte: Am 24. Oktober 1920 schlägt Deutschland in Berlin Ungarn mit 1:0, der erste Sieg der Nationalelf nach dem Ersten Weltkrieg. Mit Rechtsaußen Leo Fiederer steht ein zweiter Fürther auf dem Platz, für ihn bleibt es das einzige Länderspiel, und seine Biografie erzählt diesen Tag ausführlich. Lohrmann hält die Null. Am 2. Juli 1922 in Bochum, wieder gegen Ungarn, gelingt ihm das beim 0:0 ein zweites Mal.
Mehr Glück hat er mit der süddeutschen Auswahl. Am 5. März 1922 gewinnt der Süden in Hamburg das Endspiel um den Bundespokal mit 7:0 gegen Norddeutschland. Neben Lohrmann stehen fünf weitere Fürther auf dem Platz. 1923 wird er mit der Spielvereinigung süddeutscher Meister. In der Endrunde bleibt er im Viertelfinale gegen die Vereinigten Breslauer Sportfreunde beim 4:0 ohne Gegentor. Im Halbfinale in Halle ist dann Schluss, 1:2 gegen Union Oberschöneweide.
Der große Tag: Verletzt raus, ohne Gegentor (März 1922)
Das Länderspiel gegen die Schweiz am 26. März 1922 beginnt mit einer Panne am grünen Tisch. Der Spielausschuss des DFB gibt die Aufstellung schon am 10. März bekannt, sechzehn Tage vorher, ohne Rücksicht auf Form oder Verletzungen. Die Nürnberger fehlen ohnehin, der Club ist auf einer lange geplanten Spanienreise. Für Stuhlfauth ist also kein Platz im Kader, für Lohrmann schon.
Das Ergebnis ist eine halbe Fürther Vereinself im Nationaltrikot. Sieben Kleeblättler stehen am Riederwald in Frankfurt auf dem Platz: Lohrmann im Tor, davor Georg Wellhöfer und Josef Müller, in der Läuferreihe Hans Lang und Hans Hagen, im Sturm Andreas Franz und Lony Seiderer, der die Mannschaft als Kapitän anführt. Es pfeift der Niederländer Willem Boas. Die Zuschauerzahl schwankt je nach Quelle zwischen 35.000 und 40.000.
Die erste Halbzeit gehört den Fürthern. In der 26. Minute trifft Franz, in der 34. Minute Seiderer. Zur Pause steht es 2:0, und Lohrmann hat bis dahin nichts durchgelassen.
Dann kommt der Moment, der seinen Tag beendet. Laut dem polnischen Tygodnik Sportowy wird Lohrmann 18 Minuten nach der Pause so schwer verletzt, dass man ihn vom Platz tragen muss. Auswechslungen gibt es nicht. Also streift sich Mittelstürmer Seiderer die Torwartrolle über, und Deutschland spielt zu zehnt weiter.
Die Schweizer nutzen das. In der 70. Minute verkürzt Paul Sturzenegger, vier Minuten vor Schluss gleicht Oskar Merkt aus. 2:2. Dem Aushilfstorwart macht niemand einen Vorwurf, das Lexikon von 1939 lobt Seiderer sogar ausdrücklich. Für Lohrmann bleibt eine kuriose Bilanz: In diesem Spiel hat er kein Tor kassiert, und in seinen beiden anderen Länderspielen auch nicht.
Ganz ohne Folgen bleibt der Tag nicht. Ob die Verletzung von Frankfurt mit dem späteren Karriereende zu tun hat, verraten die Quellen nicht. Drei Monate später steht Lohrmann in Bochum jedenfalls wieder im Tor, und wieder bleibt es bei der Null.
»Als Fangkünstler übertraf er den Heiner.«
Wien, Wasserball und die Trainerbank
1923 zieht Lohrmann nach Wien, zum Wiener Amateursportverein, der späteren Austria. Offenbar war das früh eingefädelt: Schon Anfang Mai 1923 meldete der Tygodnik Sportowy, Lohrmann habe sich bei den Amateuren als aktiver Spieler angemeldet. Da hatte Fürth die Endrunde noch vor sich.
In Wien wird er Meister. Mit den Amateuren gewinnt er 1924 und 1926 Meisterschaft und Pokal, 1925 kommt ein weiterer Pokalsieg hinzu. Weil in Österreich ab 1924 Berufsfußball gespielt wird, ist die Nationalelf für ihn damit erledigt. Das Duell mit Stuhlfauth endet ohne Schlusspfiff.
Im Sommer 1924 sieht ihn ein polnischer Reporter bei einem Gastspiel der Amateure in Warschau. Er beschreibt einen Riesen, der den Strafraum mit Größe, Körperfülle und langen Armen beherrsche und in dessen Händen der Ball zu einem Ei zusammenschrumpfe. Ganz ohne Spott geht es nicht: An diesem Tag kassierte der Riese drei Tore gegen Polonia und wirkte auf den Reporter ziemlich unbeweglich. Gewonnen haben die Amateure trotzdem, 8:3.
Wien ist auch die Bühne für seinen kuriosesten Rekord. An einem einzigen Tag spielt er laut einem Fußball-Lexikon von 1988 in vier Sportarten: vormittags Handball, danach Rugby und Fußball, abends Wasserball. Im Wasserball wird er österreichischer Meister. Das Lexikon von 1939 hielt den Wasserballtorwart Lohrmann sogar für »noch unbezwinglicher« als den Fußballtorwart.
Dann bremst ihn sein eigener Mut. Eine schwere Verletzung, laut dem Lexikon von 1939 verursacht durch sein »tollkühnes und wagemutiges Spiel«, beendet die Laufbahn. Wann genau, bleibt unscharf. Die Einsatzstatistik der Kleeblatt-Chronik endet im Herbst 1926, andere Quellen führen ihn bis 1929 bei der Austria und 1929/30 beim Wiener AC.
Lohrmann wird Sportlehrer und Trainer, vor allem im Westen Deutschlands. Mit Hamborn 07 wird er 1933 Niederrheinmeister. Den Grundstein, den er dort bei der Jugend legte, lobte ein Vereinsporträt später ausdrücklich; 1938 holte Hamborns A-Jugend die erste deutsche Jugendmeisterschaft. Er trainiert unter anderem Schwarz-Weiß Essen und Preußen Krefeld, übernimmt im Oktober 1938 Rot-Weiß Oberhausen und steigt 1939 in die Gauliga auf. Einer seiner Schüler ist der spätere Weltmeister-Torwart Toni Turek. Laut Austria-Archiv arbeitete er außerdem als Tennislehrer bei der Bankiersfamilie Rothschild.
Nach dem Krieg geht er in die Schweiz. Von 1948 bis 1953 trainiert er den FC Zürich, 204 Spiele lang. Theodor Lohrmann stirbt im September 1971, wenige Tage vor seinem 73. Geburtstag. Seine letzte Ruhestätte findet er auf dem Westfriedhof in Oberhausen.
Theodor Lohrmann auf einen Blick
Geboren: 7.9.1898 in Heidelberg
Gestorben: 2. oder 4.9.1971 (Quellen uneinig), beigesetzt in Oberhausen
Spitzname: »Teddy«, »Tätsch«
Vereine: SV Waldhof Mannheim (1908–1920), SpVgg Fürth (1920–1923), Wiener Amateursportverein (1923–1929), Wiener AC (1929/30)
Position: Torwart
Titel: Bundespokal mit Süddeutschland 1922, Süddeutscher Meister 1923; Österreichischer Meister 1924 und 1926, Österreichischer Pokalsieger 1924–1926
Bilanz: 52 Ligaspiele für Fürth, dazu 4 Pokal- und 2 Endrundenspiele; 3 Länderspiele (1920–1922)
Beruf: Sportlehrer
Trainer: u. a. Hamborn 07, Schwarz-Weiß Essen, Preußen Krefeld, Rot-Weiß Oberhausen (ab 1938), FC Zürich (1948–1953)
Quellen
Kleeblatt-Chronik: Theodor Lohrmann · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1959 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Dénes/Rochy: A 700 után · Libero International · Tygodnik Sportowy, 31.3.1922 · Tygodnik Sportowy, 4.5.1923 · Tygodnik Sportowy, 23.7.1924 · Rohr/Simon: Lexikon Fußball (1988) · Fußball-Oberliga West 1950/51 · Wikipedia: Theodor Lohrmann · Wikipedia: Länderspielergebnisse 1908–1929 · FürthWiki: Theodor Lohrmann · Austria-Archiv · DBFCZ: Teddy Lohrmann · Eintracht-Museum: Länderspiel 26. März 1922