Willy Ascherl – der kleine Linke mit dem Doppelpack
Klein, schnell, links. Mehr brauchte Willy Ascherl nicht, um sechs Jahre lang zur besten Angriffsreihe Deutschlands zu gehören. Deutscher Meister 1926, ein Länderspiel, in der Chronik 75 Pflichtspieltore für die Spielvereinigung. Sein bestes Spiel machte er aber nicht im Kleeblatt-Trikot, sondern im Februar 1924 für Süddeutschland, mit zwei Toren gegen den Norden. Elf Tage nach Fürths drittem Meistertitel war er tot, gerade 27 Jahre alt.
»Obwohl in tausend Abseitsfallen verstrickt, gelang ein meisterlicher Angriffszug Träg–Ascherl.«
Der Umweg über den Turnverein

Willy Ascherl kommt am 7. Januar 1902 in Fürth zur Welt. So steht es in der Kleeblatt-Chronik, im Nationalspieler-Lexikon von 1939 und beim DFB. Nur das IFFHS-Heft Libero macht ihn vier Jahre älter und nennt 1898. Die Mehrheit der Quellen spricht für 1902.
Das Fußballspielen lernt er in der Jugend der Spielvereinigung. Dann aber geht er, und zwar nicht weit. 1918 wechselt er zum TV Fürth 1860, dem Nachbarn aus der eigenen Stadt. Laut Wikipedia spielt er dort in den Runden 1920/21 und 1921/22 in der Kreisliga Nordbayern, also gegen den 1. FC Nürnberg und gegen seinen alten Verein.
Im Dezember 1922 kehrt er an den Ronhof zurück. Dort wartet ein Sturm mit Namen, die man in ganz Süddeutschland kennt: »Resi« Franz, »Loni« Seiderer, Karl Auer. Ascherl fügt sich sofort ein. Anfang Januar 1923 schlägt Fürth den Hamburger SV mit 10:0. Eine polnische Sportzeitung konnte es kaum glauben und listete die Torschützen auf, Franz mit sechs Toren und am Ende der Reihe auch Ascherl.
Es folgen die ersten großen Spiele. Fürth wird 1923 Süddeutscher Meister, und im Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft trifft Ascherl am 13. Mai im Nürnberger Zabo zweimal, beim 4:0 gegen die Vereinigten Breslauer Sportfreunde. Im Halbfinale ist dann gegen Union Oberschöneweide Schluss.
Klein, flink und immer links
Wie spielte er? Die Chronik und Libero beschreiben ihn fast gleichlautend: selbst für einen Flügelmann ungewöhnlich klein, dafür schnell und beweglich. Wikipedia nennt ihn »überaus trickreich«. Sein Platz war die linke Seite, mal als Linksaußen, mal eine Position weiter innen als Halblinker. Die Aufstellungen jener Jahre zeigen beides.
Einen Spitznamen, wie ihn fast jeder seiner Mitspieler trug, überliefern die Quellen für Ascherl nicht. Vielleicht brauchte er keinen. Er war einfach der Linke im Fürther Sturm.
Im Herbst 1923 war der Ruf der Mannschaft schon bis Spanien vorgedrungen. Der Diario de Valencia kündigte ein Gastspiel der Fürther an und schwärmte, ihr Spiel sei beinahe »wissenschaftlich«. In der Aufstellung steht »ASCHERL (inter)«, gemeint war wohl »internacional«. Für Ascherl kam der Titel noch gut ein halbes Jahr zu früh.
Am 21. April 1924, Ostermontag, ist es dann so weit. In Amsterdam spielt Deutschland gegen Holland, mit einer Elf nur aus Fürthern und Nürnbergern. Ascherl steht auf Linksaußen, es ist sein einziges Länderspiel. Die beiden Lager sind nach einem wüsten Derby so zerstritten, dass sie laut einer Nationalmannschafts-Chronik in getrennten Eisenbahnwagen anreisen. Trotzdem gewinnt Deutschland 1:0, zum ersten Mal überhaupt gegen Holland. Karl Auer köpft das Tor. Die Flanke kam laut Wikipedia von Ascherl, und das Lexikon von 1939 beschreibt einen Angriffszug über Träg und Ascherl. Eine spätere Geschichte der Nationalmannschaft nennt dagegen den Nürnberger Hans Kalb als Flankengeber. Wer den Ball wirklich schlug, lässt sich heute nicht mehr klären.
Ein zweites Länderspiel folgte nicht. Ascherl blieb einer von vielen Einmal-Nationalspielern jener Jahre, in denen der DFB seine Elf ständig umbaute.
Der große Tag: Doppelpack im Bundespokal (Februar 1924)
Zwei Monate vor Amsterdam hatte Ascherl sich für die Nationalelf empfohlen, und zwar in einem Wettbewerb, den heute kaum jemand kennt. Im Bundespokal spielten die Auswahlmannschaften der Regionalverbände gegeneinander, Süd gegen Nord, West gegen Mitte. Für die Spieler war das eine große Bühne, fast so etwas wie ein Länderspiel innerhalb Deutschlands.
Ein Jahr zuvor, im Februar 1923, hatte Süddeutschland den Pokal schon einmal gewonnen, 2:1 gegen den Westen in Frankfurt. Ascherl schoss damals als Halblinker das 2:0.
Am 17. Februar 1924 steht Süddeutschland wieder im Endspiel, wieder in Frankfurt, im Stadion am Riederwald. 25.000 Zuschauer sind gekommen. Schiedsrichter ist Dr. Peco Bauwens aus Köln. Der Gegner ist Norddeutschland, und der hat Namen: Otto »Tull« Harder vom Hamburger SV und Adolf Jäger von Altona 93, beide Nationalspieler.
Der Süden spielt als Nürnberg-Fürther Mischung mit ein paar Gästen. Stuhlfauth steht im Tor, davor Kugler und Josef Müller, in der Läuferreihe Hagen, Kalb und Riegel. Im Sturm laufen Auer, Franz, Ludwig Philipp vom FV Nürnberg, Ascherl als Halblinker und Sutor auf.
Der Anfang gehört den Franken. Karl Auer trifft in der 15. Minute zum 1:0. Doch der Norden antwortet schnell. Jäger gleicht drei Minuten später aus, und in der 35. Minute bringt Harder die Gäste in Führung. Mit 1:2 geht es in die Kabinen.
Dann kommt Ascherls Auftritt. Drei Minuten nach der Pause, in der 48. Minute, schießt er das 2:2. In der 66. Minute bringt Franz den Süden wieder nach vorn. Und in der 73. Minute macht Ascherl mit seinem zweiten Tor zum 4:2 alles klar. Aus einem Rückstand zur Pause ist ein klarer Sieg geworden, und der kleine Linke hat zwei der vier Tore geschossen.
Der Pokal bleibt im Süden. Für Ascherl ist es der zweite Bundespokalsieg in Folge, und keine neun Wochen später steht er in Amsterdam in der Nationalelf. Den Zusammenhang behauptet keine Quelle ausdrücklich. Aber acht der elf Süd-Spieler aus Frankfurt standen auch in Amsterdam auf dem Platz.
»Selbst als Flügelstürmer sehr klein, aber schnell und wendig.«
Meister, Abschied und ein früher Tod
Sein bestes Jahr im Verein wird 1926. In der Bayern-Liga reicht es nur zu Platz drei, doch als Süddeutscher Pokalsieger rutscht Fürth in die süddeutsche Endrunde, wird dort Zweiter und zieht in die Endrunde um die deutsche Meisterschaft ein, und Ascherl trifft fast in jeder Runde. Am 16. Mai schießt er vor 10.000 Zuschauern im Ronhof beim 5:0 gegen Viktoria Forst zwei Tore, das erste nach drei Minuten. Zwei Wochen später bringt er Fürth in Leipzig gegen den Breslauer SC 08 mit 1:0 in Führung, am Ende steht es 4:0. Im Endspiel am 13. Juni in Frankfurt erzielt er in der 68. Minute das 4:1 gegen Hertha BSC. Vier Tore in vier Endrundenspielen, dazu der Meistertitel.
1926/27 ist seine torreichste Saison: 16 Tore in 22 Ligaspielen. Wieder geht es in die Endrunde, wieder trifft er, diesmal zum 9:0 gegen den Berliner SC Kickers. Im Halbfinale nimmt Hertha in Leipzig mit 2:1 Revanche. Libero urteilt knapp, nach dem Triumph von 1926 sei es um den Linksaußen ruhig geworden. Die Zahlen sagen das zunächst nicht.
Im Mai 1928 meldet eine Münchner Zeitung, die Spielvereinigung verliere »ihre besten Leute«. Auch Leinberger und Ascherl trügen sich mit dem Gedanken, den Wohnsitz zu wechseln. Ascherl macht Ernst. Nach acht Ligaspielen und vier Toren in der neuen Saison geht der gelernte Kaufmann im November 1928 nach Sachsen, zum SV Meißen 08.
Leicht wird der Neuanfang nicht. Laut Wikipedia verdächtigt der DFB ihn, des Geldes wegen gewechselt zu sein. Im Amateurfußball jener Jahre war das verboten. Ascherl darf zunächst nicht spielen und arbeitet als Trainer, später läuft er in der Bezirksliga Ostsachsen auf. Die Chronik zählt fünf Spiele ohne Tor.
Am 28. Juli 1929 wird die Spielvereinigung Fürth zum dritten Mal Deutscher Meister, ohne ihn. Elf Tage später, am 8. August 1929, stirbt Willy Ascherl in Meißen an den Folgen eines Darmrisses. Er wurde 27 Jahre alt, nach der Angabe in Libero 31. Im Nationalspieler-Lexikon von 1939 steht hinter seinem Namen ein Kreuz, sonst nur die nackten Daten.
Willy Ascherl auf einen Blick
Geboren: 7.1.1902 in Fürth (laut Libero 1898)
Gestorben: 8.8.1929 in Meißen
Vereine: SpVgg Fürth (Jugend bis 1918), TV Fürth 1860 (1918–1922), SpVgg Fürth (1922–1928), SV Meißen 08 (1928–1929)
Position: Linksaußen und Halblinks
Titel: Deutscher Meister 1926; Süddeutscher Meister 1923; Süddeutscher Pokalsieger 1923, 1926, 1927; Bundespokal mit Süddeutschland 1923 und 1924
Bilanz: für Fürth laut Chronik 97 Ligaspiele und 53 Tore, 21 Pokalspiele und 15 Tore, 8 Endrundenspiele und 7 Tore; 1 Länderspiel (1924)
Beruf: Kaufmann
Quellen
Kleeblatt-Chronik: Willy Ascherl · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero International · Kicker-Almanach 1959 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Wikipedia: Willy Ascherl · Wikipedia: Bundespokal · DFB-Datencenter · Przegląd Sportowy, 12.1.1923 · Diario de Valencia, 25.9.1923 · Völkischer Beobachter, 26.5.1928